Von 855 im Jahre 1933 war die Zahl der Juden im August 1938 auf 364 und im März 1939 auf 287 zurückgegangen; am 17.5.1939 wurden bei der Volkszählung noch 259 Israeliten registriert. In einer städti- schen Liste vom 1.2.1941 werden 190 Gießener und 8 Wiesecker Juden aufgeführt. Die Fluktuation war gerade während des Krieges sehr stark: Gießener Juden gingen in Großstädte, Juden vom Umland zogen — zumindest vorübergehend- nach Gießen.
Ab September 1942 sind dann die bereits erwähnten 141 Gießener und 9 Wiesecker mit ca. 180 weiteren Juden aus dem oberhessischen Raum deportiert worden.
Zahlen und Schicksale
Bei den Meldebehörden der Stadt Gießen waren vom 30. 1.1933 bis zum bitteren Ende 1222 Juden in Gießen und 35 Juden in Wieseck gemel- det. Wir haben versucht, die Schicksale dieser Menschen aufzuklären, aber dies ist aus verschiedenen Gründen, die hier nicht erörtert wer- den können, nur zum Teil gelungen: Von den in der ursprünglichen Li- ste genannten 1257 Personen sind 130 schon vor dem Beginn der Endlösung, gestorben und meist in Gießen beerdigt. Nach den bishe- rigen Feststellungen sind 283 im Holocaust ermordet worden oder um- gekommen. Alle anderen haben auf irgendeine Art noch rechtzeitig Deutschland verlassen und das rettende Ufer- meist in Übersee- er- reicht. Von ihnen gingen nachweisbar 228 in die Vereinigten Staaten und nach Kanada, 134 nach Israel, 28 nach Südafrika, 24 nach Südamerika, 17 nach England, 11 in Länder Westeuropas. 10 jüdische Menschen überlebten- zumeist in Mischehen“- in Deutschland, und 12 weitere überlebten das Grauen und kehrten nach Kriegsschluß aus den Vernichtungslagern zurück. Damit blieben bis heute 380 Schicksale (= 1d. 30%) ungeklärt. Ihr weiterer Lebensweg konnte bisher nicht aufgeklärt werden; Brücken, die einseitig und gewaltsam abgebrochen wurden, sind von ihnen trotz mancher Bemühungen nicht wieder auf- gebaut worden. Wer wollte ihnen dies verdenken?
Nach unserer Schätzung, die auf Hochrechnungen beruht, dürften der- zeit noch etwa 45% jener Gießener Juden leben, denen es zwischen 1933 und 1941 gelungen ist, dem Grauen in Europa durch rechtzeitige Flucht bzw. Emigration zu entkommen.
Abschließend mag eine Ubersicht in Zahlen noch einmal die wechsel- volle Geschichte der Juden in Gießen während der letzten vier Jahr- hunderte darstellen(52):
1622 ⸗=⸗ 23 Familien 1782= 110 Juden 1687 ⸗ 1 Beedzahler(53) 1828= 200 Juden 1695 ⸗ 2 Beedzahler 1840=⸗ 391 Juden 1719= 13 Juden 1868= 336 Juden 1740 ⸗ 22 Beedzahler 1871=⸗ 458 Juden
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