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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Die israelitische Religionsgemeinschaft(orthodox) unterstand dem Provinzial-Rabbiner Dr. Hirschfeld. Ihrem Synagogenvorstand gehörten u.a. an: Alfred Fröhlich(als Vorsitzender), Ferdinand Bär und Sally Wetterhahn. Lehrer und Kantor war Bernhard Klein, der auch für das rituelle Schlachten veranwortlich zeichnete. Der Gemeinde angeschlos- sen war die Jugendgruppe der"Agudas Jisroel, deren Vorsitzender ebenfalls Rabbiner Dr. Hirschfeld war. 70 Kinder besuchten den isra- elitischen Religionsunterricht nach dem orthodoxen Ritus dieser Ge- meinde.

Wesentlichen Anteil an der kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung der beiden jüdischen Gemeinden Gießens von 1900 bis 1933 hatten die beiden Rabbiner: Dr. David Sander in der liberalen Gemeinde, der dort von 1897 bis zu seinem Tode 1939 wirkte und in der Zeit der Verfolgung auch die verbliebenen orthodoxen Juden betreute; in deren Gemeinde hatte ebenfalls jahrzehntelang Dr. Leo Hirschfeld die geist- liche Leitung, bis nach seinem Tode 1933 die Rabbinerstelle verwais- te. Beide Rabbiner sind in Gießen gestorben und begraben.

Auf dem Weg zum grausamen Ende

Seit dem Ende der 20er Jahre beginnt eine allmähliche Abwanderung von Juden aus Gießen, die mit der zunehmenden Wirtschaftskrise und mit dem besonders im mittelhessischen Raum wachsenden Antisemi- tismus zu erklären ist.

Bei der Volkszählung des Jahres 1933 wurden noch 855 Juden in Gie- ßen registriert. Inzwischen hatten die Nazis die Macht in Deutschland übernommen, und es begann der systematische Kampf gegen die Juden (51), der ihre Zahl schnell verringerte, bis am 2. März 1943 ein grau- sam-makabres Schreiben des OB an den Reichsstatthalter Sprenger melden konnte:"Gießen ist judenfrein. Dabei waren die letzten noch in Gießen verbliebenen Juden bereits bis zum Spätherbst 1942 depor- tiert worden und hatten längst den martervollen Weg in die Vernich- tungslager angetreten. Wer war geblieben? Es waren die Alten, die Kranken und die Armen. Leider auch einige wenige Kinder bei Eltern, die nicht an ein so grauenvolles Ende glauben konnten.

Als die grausame"Endlösung auch in Gießen Ende August 1942 be- gann, waren noch 141 Juden aus Gießen und 9 aus Wieseck übrigge- blieben; die meisten von ihnen hatte man bereits in drei gettoähnli- chen Wohnungen Landgrafenstraße 8, Walltorstraße 42 und 48 zusam- mengedrängt.

Zum Abschluß sind noch einige Zahlen zu nennen, die diese gräßliche Zeit mit all ihren Schrecken und ihren Folgen am Beispiel des Ablau- fes in der Stadt Gießen noch besser verdeutlichen können.

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