2. Israelitischer Wohltätigkeitsverein 3. Israelitischer Frauenverein für soziale Fürsorge
Der liberalen israelitischen Gemeinde in Wieseck gehörten bei ca. 3500 Einwohnern 45 Mitglieder an, was einem Anteil von 1,28% ent- sprach. Der dortige Synagogenvorstand bestand aus: Louis Löwenstein (als Vorsitzender), Hermann Katz und Sigmund Baum.
Aus der Zeit unmittelbar vor der Machtübernahme der Nazis sind uns im„Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrts- pflege in Deutschland 1932/33“ die folgenden Angaben überliefert:
Die Zahl der in Gießen lebenden Juden war seit 1925 infolge des an- wachsenden Antisemitismus(50) und der mit der Weltwirtschaftskrise sich verschärfenden innenpolitischen Situation allmählich zurückgegan- gen. Um die Jahreswende 1932/33 gab es noch ca. 850 Juden in Gie- ſen und Wieseck. Es ist zu beachten, daß es sich hierbei um Mitglie- der der beiden religiösen Gemeinden handelt. Darüber hinaus gab es zahlreiche Bürger, die wegen ihrer jüdischen Vorfahren später unter die menschenrechtsfeindlichen Bestimmungen der sogenannten Nürn- berger Gesetze“ fielen, selbst aber aus den israelitischen Gemeinden ausgetreten und in ihrer Mehrzahl in christliche Kirchen eingetreten waren.
Die israelitische Religionsgemeinde(liberal) stand damals weiter unter der religiösen Leitung von Provinzial-Rabbiner Dr. Sander. Dem Sy- nagogenvorstand gehörten u. a. an: Eugen Rothenberger(als Vorsitzen- der), Sally Meyerfeld und Adolf Bär. Lehrer und Kantor war Josef Marx. Zu der Gemeinde zählten auch die Juden im Dorf Steinbach. Im Januar 1930 wurde der Kaufmann Louis Marcus als Gemeindevorsteher wiedergewählt.
Der Gemeinde waren folgende Vereinigungen unterstellt:
1. Israelitischer Hilfsverein e. V.: Gründungsjahr 1908, Vors.: Dr. Sander, 120 Mitglieder, Arbeitsgebiet: Wander- und Wirtschafts- fürsorge
2. Israelitischer Beerdigungsverein e. V.: Gründungsjahr 1867, Vors.: Ludwig Bock, 256 Mitglieder, Arbeitsgebiet: Krankenpflege und Bestattung
3. Israelitischer Frauenverein: Vors. Frau Johanne Sander, Arbeits- gebiet: Soziale Fürsorge
4. Verein Altersheim: Vors.: Moritz Sternberg, Arbeitsgebiet: Bau
eines Altersheims
Daneben standen 7 Stiftungen, deren Gründung teilweise bis weit ins 19. Jh. zurückgeht und aus denen Hilfsbedürftige unterstützt werden konnten: so u. a. die Ww. Arnstein-Stiftung, Rabbiner Dr. Levi-Stif- tung, Heichelheim-Stiftung und Hermann und Louise Katz-Stiftung.
127 Kinder besuchten den israelitischen Religionsunterricht.
381


