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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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KURZGEFASSTE GESCHICHTE DER JUDEN IN GIESSEN

Aufsatz aus: nDie jüdische Bevölkerung Gießens 1933-1945 3. Aufl., Wiesbaden 1982

Die Zeit bis zum Ausgang des Mittelalters

Schon während der Herausbildung Gießens zur Stadt(Mitte des 13. Jh.) oder kurz danach werden sich Juden in Gießen angesiedelt haben (1), obwohl uns schriftliche Nachrichten über Juden in Gießen erst aus dem Jahre 1341 vorliegen(2). Die Lage der"Judengasse, im en- gen Winkel innen an die zweite Stadtmauer(ca. 1300 errichtet) ange- lehnt, deutet ebenfalls auf frühe Entstehung eines Judenviertels hin

(3).

Die von der jeweiligen Pestwelle("Schwarzer Todu) 1348- 1350 aus- gelöste grausame Verfolgung aller Juden in Deutschland, die man der Vergiftung der Brunnen bezichtigte(4), nahm auch Gießen nicht aus. Wie in vielen anderen Städten sind die Juden damals vertrieben oder sogar getötet worden(5). Doch schon 1373 und 1374 werden in Ur- kunden des Staatsarchivs Darmstadt wieder Juden zu Gießen genannt (6); Marburger Urkunden von 1378 und 1382 erwähnen ebenfalls einen Judenbürger zu Gießen(7). Beide Quellen bestätigen uns die bald nach der Mitte des 14. Ih. erfolgte Wiederaufnahme von Juden in die Stadt(8). Im 15. Jh. fließen die Quellen sehr dürftig und mehr zufäl- lig. So bleibt es bisher bei einer Erwähnung aus dem Jahre 1444, wo Juden aus Gießen zur Reichssteuer herangezogen werden(9).

Eine eigenständige jüdische Gemeinde ist uns nicht überliefert, doch dürfen wir davon ausgehen, daß in dem doch noch sehr kleinen Ak- kerbürgerstädtchen Gießen Juden vor 1500 in bescheidener Anzahl an- sässig waren. In verstärktem Maße kam es auch zur Aufnahme von uSchutzjuden, ein Regal, das sich im ausgehenden Mittelalter nicht nur die Territorial- bzw. Stadtherren angeeignet hatten, sondern das bis ins 19. Jh. auch den kleineren Standesherrschaften zustand. Der älteste Schutzbrief für Juden, die für diesen Status besondere Steuern und Abgaben zu entrichten hatten, ist für unsere Gegend aus dem Jahre 1414 überliefert(10).

Erste konkrete Nachrichten

über Juden in Gießen erreichen uns in der Regierungszeit des hessi- schen Landgrafen Philipps des Großmütigen im 16. Jh. Es ist die Zeit des großen geistigen Umbruchs in Deutschland. Kaum ist der Bauern- krieg verebbt, da tritt Luthers Lehre ihren Siegeszug an. In Homberg/ Efze führt Philipp 1526 die Reformation ein. Nach 1530 macht er

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