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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Aus diesem Grund wurde die Aufnahme von Juden in den einzelnen Territorien meist erschwert und ein Schutzbrief(Judenprivileg), für den eine erhebliche Summe an Schutzgeld zu zahlen war, erst ausge- stellt, nachdem verschiedene Bedingungen erfüllt waren(12).

Der Erlaß der Gießener Judenordnung von 1585 zeigt jedenfalls, daß um diese Zeit bereits eine Anzahl von Juden in Gießen lebte und aus den unterschiedlichen wirtschaftlichen Tätigkeitsbereichen soziale, viel- leicht auch religiöse, Spannungen entstanden waren.

Spannungen zwischen Christen und Juden

Erst im 17. Jh. nehmen die Nachrichten über Juden in Gießen etwas breiteren Raum ein. So ist uns überliefert, daß 1622 insgesamt 23 Ju- denfamilien- meist aus der näheren Umgebung- in Gießen ansässig geworden waren(13). Unter dem Darmstädter Landgrafen Ludwig V., dem Begründer der Universität, der von 1596- 1626 regierte, hatte eine Wanderbewegung unter den Juden von den Dörfern in die Städte eingesetzt, deren Ursachen hier nicht im einzelnen zu erörtern sind. Zweifellos spielten die unsicheren Zeitläufe ebenso eine Rolle wie die fiskalischen Interessen der Stadtherren, die in den Juden eine zusätzli- che Steuerquelle sahen.

Bald jedoch kommt es zu schweren Auseinandersetzungen mit den ein- heimischen Zünften, die ihre Privilegien- niedergelegt in den Zunft- briefen- bedroht sahen, denn der ohnehin karge Nahrungsspielraum und die eingeengten Verdienstmöglichkeiten haben gerade die Not der Handwerker gegenüber den Besitzbürgern vergrößert, zumal mit dem Ausbruch des großen Krieges die Preise für lebensnotwendige Güter unvergleichlich anstiegen und auch die Mieten kaum noch zu bezahlen waren.

In diese zunehmende Notsituation aber kommen jetzt jüdische Familien mit unsicherer Existenz, geduldet nur durch zeitlich begrenzte und teuer erkaufte Schutzbriefe, und- ausgeschlossen von den meisten Be-

rufen- müssen sie verdienen um jeden Preis. Ihre Ausgaben sind hoch, sie haben meist viele Kinder; Burgmannen- also der örtliche Adel-, Rat und Bürgerschaft bilden für sie eine feindliche, miß-

trauische Umwelt. Sie sind gezwungen, sich auf jedes Geschäft zu stürzen, das sich ihnen bietet. Die Klagen häufen sich, die Miß- stimmung unter der Bevölkerung nimmt zu: Man glaubt einen Zu sammenhang zu sehen zwischen dem Auftauchen der Juden in der Stadt und der zunehmenden- freilich auch allein durch den großen Krieg verursachten- wirtschaftlichen Not. Noch 1622 kommt es zu Asner Verschwörung von Bürgern und Studenten gegen die Juden 14).

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