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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Gröner und gibt damit die Möglichkeit zu einer durchgreifenden Neu- ordnung auf. Mit anderen Worten, der damals mächtigste Mann des alten Regimes hatte sich mit dem durch die Umwälzung zu ihrem 256 gernden Anführer gemachten SPD-Vorsitzenden zusammengetan, beide in der Angst, die Verhältnisse könnten in naher Zukunft ihre jeweili- gen Interessengruppen gefährden.

Was dabei im staatlich-politischen Bereich herauskam, war für die Verfechter der neuen Ordnung die Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie durch eine verfassunggebende Versammlung nach all- gemeinen Wahlen. Für die Vertreter der alten Ordnung aber hieß das, nahtloser Übergang der tragenden Säulen der Monarchie in die Repu- blik, d.h. der gesamte Verwaltungsapparat, die kaisertreuen Beamten, die Justiz und natürlich auch das hohe Offizierskorps wurden in den neuen Staat übernommen. Letztere allerdings nur insoweit auf Dauer, als dies der Versailler Vertrag zuließ. Ausgeschiedene Offiziere bilde- ten in ihrer Mehrzahl den Kern der illegalen, aber wohlwollend gedul- deten Schwarzen Reichswehr und der Freikorps.

Aber neben der halbherzigen politischen Neuordnung gab es auch keine soziale Revolution. Schon eine Woche nach der Verbindung Ebert/ Gröner wurde zwischen Gewerkschaften und Unternehmern ein Ab- kommen geschlossen, das zwar den lange geforderten 8-Stunden-Tag zusagte und den Gewerkschaften endgültig das Recht auf Abschluß kollektiver Verträge gewährte, aber die bestehenden ökonomischen Machtverhältnisse unverändert ließ und damit wesentliche Forderungen der Arbeiterbewegung preisgab.

Der nach harten Auseinandersetzungen zustande gekommene Verfas- sungskompromiß von Weimar ließ den sozialen Bereich weitgehend au- ßen vor und wies auch im politischen Bereich, bei allem Bemühen demokratisch und parlamentarisch zu sein, tiefe Strukturwidersprüche auf, die sich in den späteren Krisenzeiten als gefährlich und todbrin- gend zeigten. Dies gilt in besonderem Maße für die Stellung des Reichspräsidenten im Verfassungssystem der Weimarer Republik.

Festzuhalten bleibt, daß die parlamentarische Demokratie, die als Fol- ge der geschilderten Ereignisse installiert wurde, den tödlichen Keim von Anfang an in sich trug, weil die konservativen Führungsschichten ungeschmälert im Besitz ihrer Machtpositionen blieben. Sie behielten erstens die sozialen Grundlagen ihrer Macht, nämlich die Fabriken, die Banken und den Großgrundbesitz. Sie saßen zweitens weiterhin an we- sentlichen Schalthebeln politischer Macht, da sie den Zugriff auf Mili- tär, Justiz und auch Verwaltung hatten. Die Republik blieb den stark nationalistisch oder monarchistisch eingefärbten Kräften ein weitge- hend ungeliebtes Kind, das man nur mit Vorbehalten akzeptierte und sie als provisorische Lösung in einer Krisenzeit in Kauf nahm.

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