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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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DIE BEDEUTUÜNG DES 8. MAl 1945 IN DER DEUTSCHEN GESCHICHTE

Gedenkrede im Stadtverordnetensitzungssaal anläßlich der 40. Wiederkehr der deutschen Kapitulation und des Kriegsendes am 8. Mai 1985

Herr Stadtverordnetenvorsteher, meine Damen und Herren von der Stadtverordnetenversammlung!

Als ich hier in diesem Saal vor nunmehr 7 Jahren den Festvortrag zum 100jährigen Jubiläum des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen halten durfte, habe ich das Wort des bedeutenden Philosophen George Santayana zitiert:"Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern will, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Der Gedanke, die Vergangen- heit wiederholen zu müssen, kann für Deutsche eigentlich nicht anders als mit Schrecken und Entsetzen verbunden sein. Wenn wir uns nicht der Mühe unterziehen, uns zu erinnern, um vielleicht doch- entgegen landläufiger Behauptung- aus Fehlentwicklungen und schlimmen Vor- gängen der Vergangenheit zu lernen, droht die Gefahr, daß unsere oder eine folgende Generation vieles noch einmal durchmachen muß:

Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, die Verfolgung und Ausmer- zung mißliebiger Minderheiten, das Nachbeten einer mit pseudowissen- schaftlicher Gründlichkeit aufgemachten Herrenmenschen-ldeologie, den bedingungslosen, von einer allmächtigen Staatsgewalt geforderten Kadaver-Gehorsam, die Folter und die furchtbaren Versuche von Medizinern am lebendigen Menschen bis hin zum millionenfachen Mord an Menschen, dessen einzige Begründung darin bestand, man müsse In- dividuen, die auf einer vermeintlich niedrigeren Stufe stehen, vernich- ten. Dies alles sei hier nur beispielhaft erwähnt, um klar zu machen, was gemeint ist.

Man kann allerdings das, was ich hier als Postulat herausstellen möchte, nämlich in der Auseinandersetzung mit jener leidvollen Ver- gangenheit, die zum 8. Mai 1945 hinführte, nicht nachzulassen, auch mit einer feinsinnigen altjüdischen Weisheit begründen: Das Geheim- nis der Erlösung heißt Erinnerung. Wie anders aber kann Erinnerung hinsichtlich eines deutlicheren Geschichtsbewußtseins erfolgreich sein, als wenn wir uns mit den tieferen Ursachen jener Entwicklung inten- siv beschäftigen, die zum 30. Januar 1933 geführt haben, d.h. zu ei- nem totalitären Regime, das mit brutaler Gewalt zunächst das eigene Volk vergewaltigte, um dann die Welt in Brand zu setzen.

Aus dieser Verantwortung können wir uns weder mit Totschweigen noch mit Ausflüchten oder billigen Entschuldigungen hinwegstehlen.

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