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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Hier gilt für mich mehr denn je das Wort von der Kollektivscham, das der erste Bundespräsident schon in den frühen Jahren dieser Republik ausgesprochen hat. Theodor Heuss, der selbst zeitlebens darunter ge- litten hat, daß er im März 1933 als einer der letzten linksliberalen Reichstagsabgeordneten in Verkennung der tatsächlichen Situation sei- ne Stimme für Hitlers Ermächtigungsgesetz gab, hatte Gespür dafür, daß man das deutsche Volk, zumal eine nachgeborene Generation, nicht mit der Kollektivschuld belasten könnte. Daß aber, wer sich zu diesem Volke zählt, die Scham über die furchtbaren Verbrechen, die von Angehörigen dieses Volkes und in seinem Namen begangen wur- den, immer empfinden müßte, und zwar nicht mit niedergeschlagenen Augen, sondern im Bemühen, der Scham Ausdruck zu verleihen, wie es 2z.B. die Frauen und Männer der Aktion Sühnezeichen tun.

Es muß nicht erst eine spätere Geschichtsschreibung entscheiden, ob dieser Empfindung der Kniefall von Warschau oder das auffallend schnelle Durchschreiten der Gedächtnisstätte von Jad-Vashem in Je- rusalem mehr gerecht geworden ist. Erinnern wir uns also, wenn auch nur streiflichtartig, an diesem 40. Jahrestag des Endes des 2. Welt- krieges an die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Gewaltherr- schaft, die ja eben nicht der Betriebsunfall gewesen ist, als den ihn die terribles simplificateurs, die schrecklichen Vereinfacher unserer Geschichte, immer hinstellen wollen.

Eine tiefgreifende Beschäftigung mit unserer jüngsten Geschichte ist ja nicht nur eine Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern dient auch der Gegenwartsbewältigung. Ich persönlich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Wort des Bundespräsidenten Scheel auf dem deutschen Historikertag in Mannheim(1976), wo er die provozierende Frage stellte, die Aufsehen erregt hat, ich zitiere:Hat man noch nicht begriffen, daß man die DDR nicht verstehen kann, wenn man vom Widerstand der Kommunisten gegen Hitler keine Ahnung hat?n. In diesem Sinne scheint es mir ein ermutigendes Zeichen zu sein, meine Damen und Herren, daß man sich heute hier über Parteigrenzen hinweg zusammengefunden hat, um diesen Tag würdig zu begehen. Ich habe in den eigenen Erinnerungen, aber auch in den Zeitungen von 1955, 1965 und 1975 geblättert und wenig gefunden, was sich mit der derzeitigen breiten Aufbruchstimmung der Erinnerung vergleichen lie- e.

Es stellt sich uns also die Frage, sind wir lernfähiger geworden, be- reiter, uns mit der schlimmen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sen- sibler gegenüber wachsenden Gefahren unserer Tage, abwehrstärker gegen den spürbaren Verdrängungsmechanismus mancher unbelehrbarer Politiker. Diese Frage zu stellen, heißt noch nicht, sie befriedigend beantworten zu können. Ich will es daher auch hier gar nicht versu- chen, zumal mir die Aufgabe gestellt wurde, einige geschichtliche

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