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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Vorgänge zu beleuchten, ohne die das Aufkommen des Nationalsozia- lismus und seine Machtergreifung nicht zu verstehen sind.

Die Wurzeln reichen weit zurück. Deckt man sie in ihrer Tiefe auf, so versteht man viel besser, was Bertolt Brecht meinte, als er sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Spätestens mit der eher zögernden Entscheidung Bismarcks in den frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, für Deutschland Kolonien zu reklamieren und sie auch militärisch zu schützen, war man in den Wettstreit der imperialen Mächte Europas eingetreten, der dann in einen Weltkrieg einmündete. Von nun an wurde der autoritäre Kaiserstaat geistig und materiell aufgerüstet, und es ist kein Zufall, daß zur gleichen Zeit die Arbeiterbewegung als vaterlandslose Gesellen diffamiert und mit den Maßgaben des Sozialisten-Gesetzes unterdrückt wird, um eine starke retardierende Kraft gegen dieses imperiale Machtstreben auszu- schalten. Obwohl die zeitweilige Verfolgung und Zurückdrängung der organisierten lohnabhängigen Arbeiter eine starke Solidarisierungswir- kung ausübte, so daß die Sozialistische Arbeiterpartei, wie sie damals noch hieß, bei den Reichstagswahlen 1890 sogar 20% der Stimmen bekam und damit stärkste Partei wurde, blieb sie wegen des unge- rechten absoluten Mehrheitswahlrechts relativ ohne Einfluß im Reichs- tag, der allerdings ohnehin lediglich das Etatrecht, aber kein Kon- trollrecht über die Regierung hatte. Diese war allein vom Wohl und Wehe des Kaisers abhängig. Die eigentlichen Machtpositionen lagen einerseits beim Militär, dessen Stabsoffizierkorps noch 1913 zu über 50% von Adligen besetzt war, andererseits aber beim immer stärker konzentrierten Großkapital, das sich jede Einflußnahme auf das Wirt- schaftsleben verbat, so daß einer ihrer führenden Vertreter, Emil Kir dorf- er wird uns 30 Jahre später noch einmal in der Umgebung Hitlers begegnen- sagen konnte, ich zitiere:"In den Betrieben haben weder Kaiser noch Könige etwas zu sagen, da bestimmen wir allein. Zu den ideologischen Vorreitern eines expansionistischen Imperialismus gehörte der 1891 begründete Alldeutsche Verband, der als das Ziel deutscher Politik die Zurückdrängung jedweder demokratischen Ent- wicklung forderte, für die Beibehaltung der Klassenherrschaft eintrat und für eine Neuaufteilung der Machtsphären in der Welt kämpfte.

Sein Einfluß auf zahlreiche andere Verbände und Institutionen, wie den Bund der Landwirte, der die Großgrundbesitzer vertrat, oder auf den in verschiedenen Teilen des Reiches spürbaren politischen Antise- mitismus war unvergleichlich stark. Auch der neben Militär und Groß- industrie dritte Stützpfeiler der Monarchie, das hohe Beamtentum, wurde vom Alldeutschen Verband geprägt, wobei vor allem die Einstellung eines Großteils der Lehrerschaft zu Macht und Nation den weithin noch herrschenden Untertanengeist verstärkt hat, den ja Hein- rich Mann in seinem bekannten Roman so vehement anprangerte.

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