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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Schließlich darf die allzu enge geistige und politische Bindung zwi- schen Thron und Altar im wilhelminischen Deutschland nicht überse- hen werden. Im weitgehend protestantisch bestimmten Kaiser-Staat ist der Landesfürst bis 1918 summus episkopus, und das evangelische Pfarrhaus übernimmt weithin die Funktion, den sozialen und politi- schen status quo zu erhalten. Man war deutsch-national und antisemi- tisch und hatte Respekt vor der etablierten Autorität- eine Einstel- lung, wie sie die katholische Kirche nach ihren bösen Erfahrungen im Kulturkampf so nicht mitvollzogen hat. In dieser Gesamtsituation be- fand sich das deutsche Volk, als es in den ersten Weltkrieg hinein- ging, und es gehört wohl zu den tragischsten Stunden der deutschen Sozialdemokratie, jahrzehntelange alte Beteuerungen von internationa- ler Solidarität über Bord geworfen zu haben und damals das Ja zu den Kriegskrediten auszusprechen.

Dies war gleichzeitig der Beginn einer tiefgreifenden und schwerwie- genden Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Der Blankoscheck, den Wilhelm II. den Habsburgern ausstellte, die Kriegserklärung an Rußland und vor allem der Einmarsch in das neutrale Belgien, zeigen den Schuldanteil des deutschen Imperialismus an der Entfesselung die- ses Krieges, wiewohl der weltweite Kampf um Verteilung und Beherr- schung des Erdballs von allen imperialistischen Mächten damals als unausweichlich angesehen wurde.

Der Krieg endete nach über 4 Jahren mit der totalen militärischen Niederlage, obwohl Hindenburg und Ludendorff, die seit 1916 in einer Art Militärdiktatur die eigentliche Macht in Händen hielten, noch bis Anfang September 1918 von einem Siegfrieden redeten. Erst Ende September schließlich waren sich die Generäle darüber im klaren, daß der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen war.

Ludendorff verlangte am 29. September 1918 von dem amtierenden, aber völlig einflußlosen Reichskanzler, Graf Hertling, die sofortige Herausgabe eines Friedensangebots mit der Bitte um Waffenstillstand an die damaligen Kriegsgegner. Die Oberste Heeresleitung, die sich mit ihren militärischen Möglichkeiten am Ende sah, leitete nunmehr unter der Regie Ludendorffs eine Entwicklung ein, die der dann fol- genden Republik bereits die tödlichen Keime der Zerstörung einpflanz- te. Der gemäßigte liberale Prinz Max von Baden wurde zum Reichs- kanzler ernannt und berief auf Drängen Ludendorffs ein Kabinett aus Männern der sogenannten Mehrheitsparteien des Reichstags. Liberale Demokraten, Katholische Zentrumsleute und erstmals Sozialdemokraten bildeten jetzt die Regierung. Damit wollte der ultrarechte Ludendorff die konstitutionelle Monarchie in letzter Minute in eine parlamentari- sche Staatsform umwandeln, der er so die Verhandlungen mit den Kriegsgegnern auftragen und damit die Verantwortung für die kata- strophale Niederlage von der Armeeführung abwälzen konnte. So schuf

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