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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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er die Sündenböcke für diese Niederlage, die Hitler später als die Novemberverbrecher bezeichnen konnte. Die Generalität und die mit ihr verbundenen alten Machtgruppen des Kaiserreichs sollten auf diese Weise davor bewahrt werden, als Schuldige dazustehen, die das deut- sche Volk dem Friedensdiktat der erbitterten Feinde aussetzten. Die- ser Coup ist Ludendorff, der kurz darauf nach Schweden floh, auch gut gelungen. Demokratische Kräfte mußten die Suppe auslöffeln, die ihnen die Generalität eingebrockt hatte. Dies führte dazu, daß die Dolchstoß-Legende entstehen konnte, die auf eine fragwürdige Aussa- ge Hindenburgs vom November 1919 zurückging, als er vor dem Unter- suchungsausschuß zur Erforschung der Ursachen des deutschen Zusam- menbruchs von 1918 erklärte, ich zitiere: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden. Nichts widerlegt besser die Widersinnig- keit dieser Behauptung als die von mir geschilderten Vorgänge, die vom 29. September 1918 bis 5. Oktober 1918 abliefen.

In den folgenden 14 Jahren war diese Dolchstoß-Legende eines der wirksamsten Propagandamittel der gesamten deutschen Rechten zur Zerstörung der parlamentarischen Demokratie. Sie konnte entstehen, weil Deutschland nicht auf eigenem Boden besiegt worden war. Sie konnte geglaubt werden, weil die Autoritätshörigkeit mehr dem legen- dären General als dem aufrechten Demokraten galt. Es sei hier die Frage erlaubt, ob wir heute eine Dolchstoß-Legende des 2. Weltkriegs hätten, wenn der Krieg glücklicherweise hätte früher beendet werden können, z.B. nach dem 20. Juli 1944. Manches spricht dafür.

Doch zurück zu 1918. Gewiß war eine Revolution ausgebrochen. Aber sie war die Folge der militärischen Niederlage und nicht umgekehrt. Sie entstand nicht aus einer allgemeinen Begeisterung des Volkes, ja der Wechsel von der Monarchie zur Republik war gleichsam von außen erzwungen worden, denn mit den Hohenzollern wollten die Kriegsgeg- ner keinen Waffenstillstand schließen. Im übrigen war diese Revolution eigentlich schon beendet, ehe sie recht begonnen hatte. Friedrich Ebert, der oberste Repräsentant der Mehrheitssozialdemokraten, wird von der Rasanz der Ereignisse quasi überrollt. So mit der Ausrufung der Republik durch seinen Parteifreund Philipp Scheidemann, die er selbst nicht billigen konnte, und wird gleichzeitig auch überfordert, als ihm der abdankende Prinz Max von Baden die Macht als Reichs- kanzler überträgt. Gleichzeitig hatte Ebert auch die Macht von den Afbeiter- und Soldatenräten empfangen, die mehrheitlich von der SPD beherrscht waren.

Diese doppelte Investitur zeigt deutlich die Realität und die Grenzen des Umbruchs von 1918. In der Erkenntnis seiner eigenen politischen Grenzen, aber auch bedrängt von abgespalteten unabhängigen Sozial- demokraten schließt Ebert das verhängnisvolle Geheimbündnis mit Lu dendorffs Nachfolger in der Obersten Heeresleitung, dem General

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