Diese durch die militärische Niederlage und den folgenden Umbruch entstandene Ordnung empfanden sie als aufgezwungen und dies war in ihren Augen ein Zustand, der auf die Dauer nicht hingenommen wer- den konnte. Dies aber war nicht der einzige Grund, warum die Wei- marer Republik von vornherein ein schwacher Staat war. Hinzu kam, daß die alten Herrschaftsstrukturen vor allem im Bereich der Ar-— beitswelt unangetastet blieben und den abhängig Arbeitenden ein Mit- spracherecht ebenso verweigert wurde wie eine angemessene Mitbetei- ligung am Betriebsvermögen.
Alle Versuche, demokratische Wirtschaftsformen während der Zeit der Weimarer Republik einzuführen, scheiterten, wurden abgewürgt. Auch an den Hochschulen blieben die überkommenen autoritären Strukturen maßgebend. So wurde Demokratie auf den rein staatlich politischen Rahmen, wie er in den Verfassungen des Reichs und der weitgehend in den alten Grenzen verbliebenen Länder vorgegeben war, beschränkt, d.h. demokratisches Bewußtsein konnte sich nur zaghaft entwickeln, weil sie alltäglichen Lebensbereiche des Menschen ausgespart blieben und seiner Mit- bzw. Einwirkung entzogen waren.
Lassen Sie mich an dieser Stelle noch an zwei Beispielen gleichsam exemplarisch kurz aufzeigen, wie sich der innere Zustand in dieser er- sten deutschen Republik in Gesellschaft und Politik darstellte.
Das eine sind die bekanntgewordenen politischen Morde und die Reak- tion der deutschen Justiz auf diese Verbrechen. Wir danken es dem Heidelberger Mathematiker Prof. Gumbel, den Walter Fabian zu den leider so wenigen Menschen im Deutschland der 20er Jahre zählte, der Zivilcourage hatte, daß diese erschütternden Vorfälle in mehreren Do- kumentationen festgehalten wurden.
So weist Gumbel in dem Buch Vier Jahre Mordu nach, daß von 1919 bis 1923 insgesamt 354 Morde von politisch rechts stehenden Kräften begangen wurden, von denen 326 ungesühnt blieben. Im Nachwort zu diesem Buch, das eine amtliche Denkschrift an das Justizministerium nach sich zog, stellt Gumbel resignierend fest, ich zitiere:"Wort für Wort bestätigen die Justizminister meine Behauptungen. Rückhaltlos werden die Morde zugegeben. Straflos laufen die Täter herum. Es wird amtlich bestätigt, daß hier in Deutschland seit 1919 mindestens 400 politische Morde vorgekommen sind, fast alle von Rechtsstehenden begangen, und die überwältigende Zahl dieser Morde ist unbestraft geblieben.“
Spektakulär und weithin bekannt geworden sind die Morde an Erzber- ger 1921 und Walther Rathenau 1922 sowie das Blausäure-Attentat auf Philipp Scheidemann im Juni 1922. Weniger bekannt ist, daß der spätere Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss als Angehöriger des Frei- korps Roßbach mit Martin Bormann und anderen am 22. Juni 1923 bei
323


