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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Dieser Vorgang der Besiedlung um die Burg, dem sich andere an schlossen, beflügelte die Herausbildung des Herrschaftsmittelpunktes zur Stadt, die dann 1248 erstmals urkundlich bezeugt ist. Die ur sprüngliche Burgverwaltung entwickelte sich unter tatkräftiger Förde- rung des Territorialherrn zur Stadtverfassung, auf die sich der hessi- sche Landgraf sicher schon stützen konnte, als er 1264/65 die Herr- schaft Gießen von den Tübingern übernahm.

Gießen und der Schiffenberg werden direkte Nachbarn

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Schiffenberg ein durch Immunität weitgehend abgeschirmtes Zubehör der Gleiberger bzw. Tübinger Teil- grafschaft Gießen und hatte bis in die erste Zeit hessischer Herr- schaft wenig Berührungspunkte mit der jungfräulichen Stadt. Dies än- derte sich erst, nachdem der Landgraf die strategisch günstige Lage der ihm zugewachsenen Stadt erkannte, sie wirtschaftlich stärkte und militärisch ausbaute, d.h. sie mit Mauer und Graben umwehrte, um sie im politischen Kampf um den Ausbau seiner Landesherrschaft ent- sprechend zu nutzen. Im Zuge dieser Bemühungen leistete er seiner Stadt eine kräftige"Entwicklungshilfeu, indem er sie mit einem gro ßen Teil seines erbeigenen Waldes ausstattete und sie damit wirt- schaftlich weitgehend unabhängig machte. Dies dürfte um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert geschehen sein.

Dieser der Stadt zwar nicht als Eigentum, aber den Bürgern und Burgmannen doch zur fast unbegrenzten Nutzung überlassene Waldteil - in einer besonderen Markwaldverfassung festgelegt- reichte nun von der Talschle der Wieseckniederung bis an die Grenze des Augustiner- chorherrenstifts Schiffenberg. Zur gleichen Zeit ist die Vogtei über die geistliche Niederlassung Schiffenberg von den Landgrafen von Hes- sen auf die Herren von Merenberg und anschließend auf deren Erben, die Grafen von Nassau, übergegangen.

Gleichgültig, ob diese Übertragung der Vogtei mit dem Obergang des Schiffenbergs an den Deutschen Orden im Zusammenhang steht und ob die Schiffenberger selbst diesen Wechsel erstrebten, oder die Landgra- fen die Vogtei freiwillig aufgaben, wachsende Auseinandersetzungen und Streitigkeiten um Rechtstitel oder Güter(z. B. Holzrechte, Weide- rechte usw.) waren für die Folgezeit vorprogrammiert. Inzwischen war der wirtschaftliche Verfall des Augustinerklosters vorangeschritten. In seiner grundlegenden Arbeit aus dem Jahre 1909 hat Hermann Kalbfuß die Gründe für diesen Niedergang eingehend dargelegt.

Das Nonnenkloster Cella

Neben Unregelmäßigkeiten in der Wirtschaftsführung und dem Fehlen einer kontinuierlichen Bestandsaufnahme der Güter und Einkünfte war

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