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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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es vor allem die Gründung des Nonnenklosters Cella am südlichen Fuß des Schiffenbergs(urkundlich erstmals 1239 genannt), welche die Wirtschaftskraft des Augustinerchorherrenstifts entscheidend schwäch- te. Die Augustinerinnen, deren Klosterbezirk zu beiden Seiten der Landstraße nach Pohlheim-Hausen Rudolf Metzger vor einem Jahrzehnt dankenswerterweise aufgespürt und vermessen hat, besaßen keine eige- nen Güter oder Einkünfte. Von Beginn an waren die Mönche vom Schiffenberg verpflichtet, das Nonnenkloster zu unterhalten. Als dies wegen der erwähnten Mißstände bald nur noch unvollkommen geschah, gelang es den Nonnen, vor dem pfalzgräflichen Gericht zu Gießen im Jahre 1264 eine Besitzteilung zwischen Mönchs- und Nonnenkloster zu erzwingen. Zehn Jahre später wird dieser Vertrag von Erzbischof Heinrich von Trier noch einmal ausdrücklich bestätigt. Die Urkundenü- berlieferung läßt vermuten, daß Cella bei dieser Besitzteilung erheb- lich besser abschnitt als der Schiffenberg. Das kleine Kloster blühte auf, erbaute sich zu Anfang des 14. Jahrhunderts eine neue Kirche und blieb vom Einzug des deutschen Ordens auf dem Schiffenberg (1323) zunächst unbehelligt.

Erst eine schwere Feuersbrunst machte im Jahre 1333 der Blütezeit des Nonnenklosters ein Ende. Schenkungen des hessischen Landgrafen Heinrich II. im Jahre 1339 lindern zwar die Not, können aber den allmählichen Niedergang Cellas nicht aufhalten. Doch erst 1449/50 wird Cella auf Bitten der letzten Abtissin Gertrud von Rodenhausen (Gießener Burgmannenfamilie) wieder mit der Deutschordenskommende auf dem Schiffenberg vereinigt. Als die Vögte der beiden Klöster, die Grafen von Nassau, diese Inkorporation schließlich 1470 nachträglich genehmigten, hatte das Nonnenkloster Cella endgültig zu bestehen aufgehört.

Die Augustiner gehen, die Deutschherren kommen

Inzwischen hatte der für den Schiffenberg kirchlich zuständige Erz- bischof Balduin von Trier entscheidend in die Geschicke des Chorher- renstifts eingegriffen, indem er den Erwerb des Augustinerklosters durch das Deutschordenshaus in Marburg durchsetzte. In der feierli- chen Aufhebungsverfügung des Jahres 1323 spricht Balduin zwar von allerhand Verfehlungen der Mönche gegen Kirchenzucht und wirt- schaftliche Ordnung, doch waren das im wesentlichen nur Vorwände für sein klares politisches Ziel: Dem Deutschen Orden, zu dem er en ge Beziehungen unterhielt, zum Erwerb des Chorherrenstifts auf dem Schiffenberg zu verhelfen. Alle darüber hinausgehenden Spekulationen, auch jene beliebte von den allzu zarten Bindungen der Mönche an die Nonnen, können hier in das Reich der Fabel verwiesen werden. Dage- gen sprechen nicht nur die urkundliche Uberlieferung, sondern auch die Tatsache, daß das Nonnenkloster von der Inkorporation unberührt

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