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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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rung aus naheliegenden Gründen als viel geeigneter erschienen. Diese Gründe lagen eindeutig in dem Bestreben, an einem geographisch gün- stigen Platz die bereits vorhandenen Straßen und Handelswege der Umgebung zusammenzuführen und so seiner Herrschaft einen wirt- schaftlichen Mittelpunkt zu schaffen, der zugleich militärisch leicht zu sichern war. Dies erklärt auch den Verzicht auf eine Höhenburg, denn eine Wasserburg stellte zweifellos zur damaligen Zeit einen Prestige- verlust dar, obwohl sie im allgemeinen ebenso schwer einzunehmen war wie eine Burg auf dem Berg. Auch im beginnenden Kräftespiel um die Durchsetzung der Landeshoheit in unserem Raum versprach die zentrale Lage der Wasserburg eine bedeutsame politische und strategi- sche Rolle zu spielen.

Die Herrschaft Gießen

Gleichwohl war der Schiffenberg Teil der Herrschaft Gießen von ih- rem Beginn an, so daß Anfang und Ende der 850jährigen Geschichte dieser Klosterstätte auf das engste mit Gießen verknüpft sind. Diese Herrschaft über das Kloster geschah unter dem Einfluß der Hirsauer Reform im allgemeinen sehr maßvoll und beschränkte sich mehr auf die Pflicht des Vogts, die Einrichtung gegen Unrecht und Gewalt zu schützen, als etwa Dienste zu fordern oder Vermögensrechte durchzu- setzen. Die Herren von Gießen in ihrer Funktion als Vögte über den Schiffenberg sind uns von Graf Wilhelm von Gleiberg über seinen En kel, Pfalzgraf Wilhelm von Tübingen(1245) bis hin zu Landgraf Hein- rich I. von Hessen(zuletzt 1285 als Schiffenberger Vogt erwähnt) kontinuierlich bezeugt. Gießen war ja durch die Heirat von Salomes Tochter Mechthild mit dem Pfalzgrafen Rudolf an Tübingen überge- gangen(vor 1203) und ist dann- wahrscheinlich durch Kauf- zwi- schen dem 15.8.1264 und dem 29.9.1265 an die aufstrebende Landgraf- schaft Hessen gefallen.

Gießen wird Stadt

Ehe jedoch Gießen an Hessen kam, hatte sich um die ursprüngliche Wasserburg eine kleine Ansiedlung von Handwerkern und Kaufleuten gebildet, die dem befestigten Herrschaftsmittelpunkt erheblichen Auf- trieb gab. Diese Entwicklung wurde von der Herrschaft maßgeblich gefördert, wobei mit gelindem Zwang wohl auch Bewohner der schon jahrhundertealten Dörfer in der unmittelbaren Umgebung des Burgbe- zirks veranlaßt wurden, den durch die Befestigung sicherer gemachten zentralen Platz zu ihrem Wohnsitz zu machen. Von der zweiten Hälfte des 12. bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind auf diese Weise die"Wüstungen Achstatt, Didolshausen, Kroppach, Läufertsrod, Selters und Ursenheim entstanden, ihre Bewohner haben sich in Gie- ßen angesiedelt und haben ihre Felder und Wiesen ganz oder teilweise in die Gemarkung Gießen eingebracht.

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