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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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von Gießen, Witwe des Grafen Wilhelm von Gleiberg, der als der Be- gründer der kleinen Teilgrafschaft Gießen und als Erbauer der ersten Burganlage dort angesehen werden kann. Es ist unbestreitbar, daß so- wohl die Stiftung des Augustinerklosters auf dem Schiffenberg als auch die Gründung Gießens aus dem Gleiberger Grafenhaus erfolgte. Ist schon dieser gemeinsame Ursprung ein Zeichen engster historischer Verbindung, so deutet die Zeugenschaft der Gräfin Salome von Gießen auf die Stellung der Gießener Herren als Vögte der geistlichen Nie- derlassung hin, was durch andere urkundliche Beweise jener Zeit be kräftigt wird. Vogtei aber bedeutete Wahrnehmung jener weltlichen und juristischen Angelegenheiten, die der Geistlichkeit nach den Kir- chengesetzen zu tun nicht erlaubt war.

Ist Gießen wegen des Schiffenbergs gegründet worden?

Dieser zweifelsfrei überlieferte geschichtliche Zusammenhang hat nun Forscher des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts dazu veranlaßt anzunehmen, daß die Errichtung der kleinen Gleiberger Was- serburg im Lahntal, die man dann uzu den Giezzen(= zu den von den Hängen ins Tal rinnenden Wassern) nannte, zum Schutz des Klosters auf dem Schiffenberg und zu einer besseren Verbindung dorthin er- folgte. Obwohl ich in früheren Untersuchungen bereits nachweisen konnte, daß diese Auffassung nicht haltbar ist, hat sie sich, wahr- scheinlich auf Grund ihrer eingängigen Begründung, bis in die jüngste Zeit als erstaunlich lebenskräftig gezeigt.

Gegen die These vom besseren Schutz des Schiffenbergs vom Gleiberg aus durch die Errichtung der Wasserburg spricht zunächst die Tatsa- che, daß der Bau dieser Burg im Zusammenhang mit der Teilung der alten Amtsgrafschaft Gleiberg in eine Ost- und eine Westhälfte gese- hen werden muß. Der Erbe der kleinen Teilgrafschaft Wilhelm mußte seinem neuen Herrschaftsbezirk, wollte er in der sich um diese Zeit verstärkenden Territorialisierung des Reichsgebietes mithalten, einen wirtschaftlich sinnvollen Mittelpunkt geben, der zugleich militärisch- politischen Rückhalt versprach. So erfolgte also die Gründung der Burg Gießen zwar durch einen Grafen aus dem Gleiberger Haus, aber nicht mehr direkt vom Gleiberg, der vielmehr der Westhälfte des Gra- fen Otto zugefallen war. Hinzu kommt noch, daß die vom Westufer der Lahn her begehbaren Furten weit nördlich und südlich jener Stelle lagen, auf deren Höhe die Wasserburg Gießen auf ca. 500 m an die Lahn heranreichte. Im übrigen hätte ein militärischer Schutz des Klo- sters wesentlich wirksamer von einer Höhenburg in jenem Teil des großen Wiesecker Waldes erfolgen können, der für die Herren der Teilgrafschaft Gießen als erbeigen frei(allodial) verfügbar war. Anna- berg und Hochwart hätten sich für eine solche Befestigung angeboten, wäre den Teilgrafen von Gießen nicht die Lahn- bzw. Wieseckniede-

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