die Rechtsstaatlichkeit war formell institutionalisiert worden. Eine Fülle von Spontaneität hatte alle Schichten der Bevölkerung erfaßt, und auch von daher wurde die Gründung von Vereinen aller Art be— günstigt.
In diese Vielfalt des historisierenden Prozesses gehörte auch die Ein— führung eines eigenständigen chronologisch aufgereihten Geschichtsun- terrichts ohne die didaktische Fragestellung nach dem Wieviel und Wofür. Dies machte Geschichte in der Schule langweilig und uninter— essant, ganz abgesehen von den nicht kindgemäßen Methoden des Auswendiglernens von toten Zahlen und leblosen Vorgängen.
In dieser Zeit des nationalen Überschwangs hat man die Frage nach dem Erkenntniswert der Betrachtung vergangener Epochen entweder gar nicht gestellt oder einseitig den vermeintlich notwendigen Interes- sen der damaligen Politik im kaiserlichen Deutschland untergeordnet. Hofhistoriographen und Nachbeter aus pseudowissenschaftlicher Op- portunität hat es zu allen Zeiten gegeben, und der Mißbrauch der Ge— schichte wie anderer Wissenschaften in der 12jährigen Barbarei in Deutschland hat uns wohl deutlich gemacht, wie wichtig es ist, nach dem Nutzen und Nachteil der Historie für den Menschen und die Ge— sellschaft zu fragen und den Sinn der Beschäftigung mit Geschichte frei von ideologischem Zwang nur von den grundlegenden Werten der Humanität und der Menschenwürde dauerhaft zu begründen.
Lassen Sie mich bei dem Versuch, Wert, Ziel und Aufgabe von Ge— schichtsvereinen in unserer Zeit zu erfassen- ohne Anspruch auf Aus-— schließlichkeit- beginnen mit der Arbeit an der Volksbildung.
Goethe hat einmal geschrieben:
Wer nicht von 3000 Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkel, unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“
In diesem tiefsinnigen Wort steckt die Erkenntnis, daß geschichtliche Bildung zu den unabdingbaren Voraussetzungen von Menschenbildung allgemein und damit auch von Kultur im umfassenden Sinn dieses Be— griffs gehört. Es ist kein Zufall, daß die Gründung zahlreicher Ge— schichtsvereine auch in kleineren Städten und die Einführung des ob-— ligatorischen, eigenständigen Geschichtsunterrichts in etwa die gleiche Zeit fallen. Der Geschichtsunterricht war bis in die 2. Hälfte unseres Jahrhunderts die einzige Quelle für geschichtliche Kenntnis und Er— kenntnis, die an alle Menschen herangetragen wurde. Erst in unserer Zeit treten die modernen Massenmedien mit ihrem vielfältigen- di- daktisch und methodisch nicht immer gut sortierten- Angebot hinrzu, freilich mit der Einschränkung, daß dies längst nicht mehr an alle herankommt, ja unkommentiert und vereinzelt nur noch eine Minder-—
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