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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Ein ganz wesentliches Motiv für die Gründung eines"Oberhessischen Vereins für Lokalgeschichten, der ja von 1861-1870 bereits einen Vor- läufer in Gießen hatte, war daher einerseits das Bestreben, den Ei- gencharakter der darmstädtischen Provinz Oberhessen zu betonen und ihre staatliche Souveränität als Teil Hessen-Darmstadts, die ja mehr- fach nach 1866 zur Disposition stand, zu erhalten, indem ein zielge- richtetes hessisches Geschichtsbewußtsein in der Bevölkerung dieser Provinz verbreitet wurde. Im Gegensatz zu diesen stark auf das Groß- herzogtum und sein Herrscherhaus bezogenen Kräften waren anderer- seits aber auch unter den Gründern des Geschichtsvereins Männer spürbar, die mit dem Wirken eines solchen Vereins die Kleinstaaterei zu überwinden suchten und dem nationalstaatlichen Reichsgedanken stärker Geltung verschaffen wollten. Sie waren- aus der Sicht jener Zeit- die fortschrittlicheren Geister, denn noch 12 Jahre zuvor hat- ten sich, um nur ein augenfälliges Beispiel zu nennen, an der Mündung des Gleibachs in die Lahn oder weiter nördlich an der Badenburg Menschen des fast gleichen Dialekts aus Wißmar, Launsbach oder Krofdorf den Lollarern, Wieseckern oder Gießenern als Ausländer und dann einige Wochen als Kriegsgegner gegenübergestanden, und es war nur dér besonderen strategischen Lage zu danken, daß es hier zu kei- nem Blutvergießen gekommen ist.

Neben diesen sehr realpolitischen UÜberlegungen sind natürlich Spätwir- kungen der Romantik und des Historismus in die Gründungsphase des OHG eingeflossen.

Suchte die Romantik in ihrer Gefühlsbetontheit und in bewußter Ab- kehr von der Aufklärung Rückhalt am Althergebrachten und organisch Gewachsenen, so förderte der Historismus im wissenschaftsgläubigen 19. Jahrhundert die Neigung zur Geschichtsforschung und Geschichts- schreibung um ihrer selbst willen.

Während die Romantiker sammelten, um zu bewahren, verzichteten die Protagonisten des Historismus auf moralische Werturteile oder prakti- sche Nutzanwendung und hingen der Uberzeugung an, alle geschichtli- che Entwicklung in kausalen Zusammenhängen begreifen und erklären zu können. Von dieser Auffassung wurde nicht nur der Geschichtsun- terricht in der Schule bestimmt, auch die Gründung von Geschichts- vereinen und ihre Arbeit wurde davon weithin beeinflußt. Wir verken- nen ja heute nicht nur die oben erwähnten Auswirkungen der politi- schen Zerrissenheit vor 1871, sondern wir haben auch vergessen, wie diese zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Zeit ungeheuren Um- bruchs war, auf politischer sowie wirtschaftlicher Ebene. Die mensch- heitsbestimmenden Ideen des 18. Jahrhunderts der Aufklärung waren zumindest partiell- verwirklicht: die Leibeigenschaft war abgeschafft, der obligatorische Unterricht eingeführt, es gab kaum eingeschränkte geistige Freiheit und fast unumgrenzte persönliche Bewegungsfreiheit,

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