Laudatio' den Jubilar würdigt- Musterbeispiel Walter Jens zum 75. Geburtstag des DFB vor 3 Jahren in Frankfurt/M.- oder das Forum der Festversammlung benutzt, um Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschungen erstmals einer fachlich interessierten Zuhörerschaft vor- zutragen. So geschah es anläßlich des 50. Geburtstags des OHG beim Festvortrag des damaligen Bremer Privatdozenten für Germanistik Adolf Bach im Jahre 1928 mit dem Thema Die Ortsnamen in ihrer Bedeutung für die Siedlungsgeschichte', der weite Beachtung fand und Bachs wissenschaftlichen Ruf einleitete und wesentlich begründete.
Ich möchte die heutige Feierstunde zum Anlaß nehmen, mit Ihnen, meine Damen und Herren, darüber nachzudenken, welche Funktion ein lokal begrenzter Geschichtsverein in unserer Zeit hat, welche Rolle er in der pluralistisch strukturierten Gesellschaft einnehmen soll. Die- ses Nachdenken muß vor allem darüber reflektieren, inwieweit die veränderten politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse und Bedingungen auf die Zielsetzungen eines Vereins eingewirkt haben, der in einer Zeit gegründet wurde, die sich in vielfacher Hinsicht von un- serer heutigen unterscheidet. Dies führt notwendigerweise zu der Fra- ge, ob die Intentionen der Gründer gültig geblieben sind, ja letztend- lich, ob die Existenz eines Geschichtsvereins noch in die Gegenwart paßt. Dabei läßt sich- nach meiner Ansicht- nur dann eine befrie- digende Antwort finden, wenn wir die Aufgaben eines solchen Vereins klar bestimmen und- wo nötig- neu definieren.
Kein Geschichtsverein kann heute von der Situation seiner Entste- hungsgeschichte ausgehen; er muß sich- will er glaubwürdig und le- bensfähig sein- auf die Gegebenheiten und Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft einstellen.
Gehen wir nun von seiner Gründungsphase aus, so liegen die Anfänge des OHG in einer Periode, die noch stark erfüllt war von der Grün- dung des Kaiserreichs. Zu den deutschen Kleinstaaten, die den sog. Bruderkrieg von 1866 ohne größere Verluste überstanden hatten und daher auch nach der Reichsgründung unversehrt erhalten blieben, ge- hörte das Großherzogtum Hessen-Darmstadt, dessen nördlichster Aus- läufer die Provinzialhauptstadt Gießen im Landesteil Oberhessen war. Die Alteren unter uns werden sich aus ihrer Jugendzeit noch erinnern, daß die Generation unserer Großeltern oft noch mehr hessisch oder nassauisch, ja auch frankfurterisch und natürlich preußisch dachte. Besonders ausgeprägt zeigte sich das in den ehemals zum Herzogtum Nassau oder zum Kurfürstentum Hessen-Kassel gehörenden- nunmehr von Preußen annektierten- Gebieten. Dieses Duodez-Denken war weithin verbreitet und mit der Spaltung der konservativen Partei in Preußen, von der ein Teil Bismarcks Reichsgründung begrüßte, während der andere Teil ein vergrößertes Preußen wollte, war auch dieser größte Staat nicht frei davon.
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