heit wirklich bildet. Wer kauft schon ein anspruchsvolles Publirums- organ, wenn man für ein Viertel des Preises die Zeitung! mit vielen Bildern, Sensationsmeldungen und fragwürdigen Nachrichren kaufen kann, oder wer schaltet eine Sendung über die ausgleichende Politik Gustav Stresemanns ein, wenn in anderen Programmen ein Krimi läuft, in dem Mord und Gewalt als Mittel zur Lösung von Problemen eher propagiert bzw. verharmlost als kategorisch in Frage gestellt werden.
Was im allgemeinen bleibt, um den Menschen das historische Gesche- hen in seinen Ursachen und Wirkungen klar darzulegen und sie zur Er— kenntnis geschichtlicher Wahrheit und ihrer Folgen zu führen, ist der Geschichtsunterricht- auch in unserer Zeit.
Es ist kein Geheimnis, daß er sich derzeit in einer Krise befindet, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Vom tragischen Hang der Deut- schen, von einem Extrem ins andere zu verfallen, blieb auch der Ge— schichtsunterricht nicht verschont. Dem sinnwidrigen Auswendigler- nen von Daten, Namen und isolierten Fakten folgte die restlose Strei- chung ganzer Geschichtsepochen, ja weithin die Aufhebung des eigen- ständigen Fachs.
So sehr jedoch die Befreiung von allzuviel stofflichem Ballast zu be-— grüßen ist, soviel man auch vom didaktischen Ansatz einwenden muß gegen das lückenlose chronologische Aneinanderreihen von oft sinnent- leerten Vorgängen, so muß doch betont werden, daß das für die Be— wältigung der Aufgaben unserer Zeit unerläßliche Verständnis der Gegenwart und der in ihr spürbaren Kräfte ohne eine gewisse Kennt- nis und Erkenntnis der geschichtlichen Entwicklung und ihrer kausalen Zusammenhänge nicht gewonnen werden kann. Hier aber sind wir bei der zweifellos notwendigen Entrümpelung des oft allzu selbstgefälligen Geschichtsunterrichts weit über das Ziel hinausgeschossen, und erst die Kassandrarufe der jüngsten Zeit nach einer stärkeren Berücksich- tigung der 12jährigen Zwangs-Unrechtsherrschaft in unserem Schulun- terricht unter dem Eindruck einiger erschreckend zunehmender Vorfäl- le haben eine breitere Gffentlichkeit wachgerüttelt und dazu geführt, daß die Forderung nach Behandlung und Vertiefung geschichtlicher Entwicklungen jener dunkelsten Periode unserer Geschichte- aber auch der jüngsten Vergangenheit- stärker geworden ist. Es sei er- laubt zu sagen, daß ein solches Unternehmen nur erfolgreich sein kann, wenn vom einfachen Bürger und Lehrer bis in die höchsten Staatsämter der vorgezeichnete Weg mutig und aufrichtig beschritten wird. Wer die Ideologie des 1000jährigen Reiches totschweigt, ver- harmlost oder gar mit unredlichen Argumenten zu rechtfertigen ver- sucht, wer es ablehnt, den Ursachen des unseligen Terrorismus nach- zugehen, wer jeden Reformanstoß zu mehr Nenschlichkeit und Ge-— rechtigkeit dem Einheitsbrei des totalitären Kommunismus zuordnet, wird unglaubwürdig und kann einem recht verstandenen Geschichtsun- terricht weder Ziel noch Richtung geben.
235


