Aber die Not des Geschichtsunterrichts und seines Auftrags für die Volksbildung liegt auch da, wo man in unverständlicher Mißachtung der Orts- und Landesgeschichte geglaubt hat, besonders fortschrittlich zu sein, wenn man die Beschäftigung mit lokal begrenzten Vorgängen und Ereignissen aus dem Geschichtsunterricht als engstirnig und klein- kariert verbannte.
Hier widerlegt ein Wort von Jacob Burckhardt aus seinen"Weltge-
schichtlichen Betrachtungen“ die ganze Ignoranz eines solchen Den-
kens: Das wahrste Studium der Geschichte wird dasjenige sein, wel-— ches die Heimat in Parallele und Zusammenhang mit dem Welt- geschichtlichen und seinen Gesetzen betrachtet als ein Teil des großen Weltganzen, bestrahlt von denselben Gestirnen.. und be- droht von denselben Abgründen und einst heimfallend derselben ewigen Nacht und demselben Fortleben in der großen allgemei- nen Überlieferung.“
Hier, so glaube ich, liegt- heute mehr denn je- die Aufgabe der Geschichtsvereine. Es heißt, den Lehrern Hilfen zu geben und Material zu vermitteln, mit denen sie ihren Schülern geschichtliche Abläufe an-— schaulich machen können. Wer einmal erlebt hat, wie Kinder im Ge— lände bemerken, wo Menschen gelebt haben und an der Lage dann noch erkennen, warum sie dort gesiedelt, aber dann doch irgendwie aufgegeben haben, der weiß um den vielfach größeren Effekt dieser als Schulausflug getarnten Lehrwanderung für die geschichtliche Bil- dung, als dies manche methodisch noch so gut dargebotenen Schul- stunden tun können.
Der OHG erkennt hier seine Aufgabe und versucht, mit vielfältigen Angeboten die Menschen an die Zeugen der Vergangenheit heranzufüh- ren. Als Beispiele darf ich hier nennen: die umfassende Untersuchung des Marburger Historikers Waldemar Küther, der in einer Teamarbeit mit Wissenschaftlern anderer Bereiche die Wüstungskirche von Hausen östlich von Lich ausgegraben hat und in detaillierten Berichten das Werden und Vergehen dieses kleinen Dorfes vom 8. bis zum 14. Jahr- hundert lebendig macht: Ein Muster für ein Unterrichtsprojekt Menschenleben im Mittelalter“.
Oder ich denke an die jüngsten Vorträge der Archäologen Gensen und Herrmann, beide vor brechend vollen Auditorien, die uns die Funde vom Bergwerkswald bzw. die Grabungen am Dünsberg veranschaulich- ten und eine Zeit in die Gegenwart transponierten, die uns noch keine schriftlichen Uberlieferungen hinterlassen hat.
Schließlich sei daran erinnert, daß der OHG mit den schon seit seiner Gründung veranstalteten Exkursionen, die in den letzten 20 Jahren von Hans Szczech in einem die ganze Breite geschichtlicher Ereignisse
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