Druckschrift 
Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
Seite
237
Einzelbild herunterladen

umgreifenden Konzept dargeboten werden, versucht, heimisches Ge- schehen, lokale historische Denkmäler in den Rahmen der Reichsge- schichte, ja besser noch der abendländischen Geschichte, zu stellen.

So verstandene Exkursionen gefallen sich nicht als reine Unterhal- tungsveranstaltung oder als Beitrag zur Bewältigung der Freizeit, son- dern sie sind ein wertvoller Teil jener Volksbildungsaufgabe, der sich der OHG bei seiner Arbeit verpflichtet fühlt.

An dieser Stelle kann nicht unerwähnt bleiben, daß die Zusammenar- beit zwischen der städtischen Volkshochschule und dem OHG, die dank der Initiative Karl Glöckners schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg zustande kam und später von Willy Zschietzschmann eifrig gefördert wurde, bis zum heutigen Tag ihre Früchte tragen konnte. Der kosten- freien UÜberlassung des Vortragssaals entspricht die kostenlose Offnung der Vortragsabende des OHG für alle Bürger. Dieser Dienst an der Volksbildung, der auch in materiell ernsten Zeiten des Vereins durch- gehalten wurde, soll auch in Zukunft geleistet werden.

Volksbildung aber ist- und damit komme ich zu einem zweiten Be- reich- untrennbar verknüpft mit einer gesellschaftspolitischen Aufga- be, die ein Geschichtsverein- nach meiner Ansicht- in unserer Zeit wahrzunehmen hat.

Der große amerikanische Philosoph George Santayana(1863- 1952) hat einmal gesagt:"Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen!

Der Gedanke, die Vergangenheit wiederholen zu müssen, kann für deutsche Menschen eigentlich nicht anders als mit Schrecken verbun- den sein. Wenn wir uns nicht der Mühe unterziehen, uns zu erinnern und vielleicht doch- entgegen vielfacher Behauptung- aus begange- nen Fehlern zu lernen, droht die Gefahr, daß diese oder folgende Ge- nerationen vieles noch einmal durchmachen: die Abschaffung des Rechtsstaats, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, den Massenmord an mißliebigen Minderheiten, den bedingungslosen Kadavergehorsam ei- nes auf dem sog. Führerprinzip aufgebauten Staates, das Nachbeten einer mit pseudowissenschaftlicher Gründlichkeit aufoktroyierten Her- renmenschen-Ideologie, die Prügelstrafe, die Folter und die aus falsch verstandenem Christentum herrührende geistliche wie die aus der All- macht des Staates begründete weltliche Bevormundung, um nur einen kleinen Teil dessen zu erwähnen, was hier gemeint ist.

Kehren wir noch einmal kurz zu den bereits in anderem Zusammen- hang angesprochenen Perspektiven unserer Geschichtskenntnis und-er- kenntnis zurück, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß un- ser Geschichtsbild im allgemeinen geprägt wurde von den 120 bis 150 Geschichtsstunden der Schule, von mehr oder weniger fabulierenden historischen Romanen, von künstlerischen Darstellungen auf der Bühne

237