Rodenhausen erbaut wurde. Die Herren v. Rodenhausen, die bis zum Jahre 1407 als Lehensträger und Vasallen der Landgrafen in Gießen nachgewiesen sind, waren eine für unseren Raum nicht unbedeutende Familie des niederen Landadels. Sie stammten aus dem kleinen Dorf Rodenhausen im Gericht Wohra und begegnen uns urkundlich als Burgmannen und Einwohner von Gießen schon in den Jahren 1305 und 1306. Die von Rodenhausen hatten zeitweise noch einen zweiten Burg- sitz in Gießen außerhalb der alten Burg; im übrigen hatten sie Grund- besitz in der Umgebung der Stadt, im Busecker Tal und im Kirchber- ger Gericht. Sie waren dort auch an der Gerichtsbarkeit beteiligt, be- saßen außerdem weitere Lehen von lsenburg, Ziegenhain und Nassau.
Eine reich begüterte Familie also, die dieses stattliche Haus auf den frühesten Mauern der Stadt im ursprünglichen Burgbezirk errichtete und von der wir wissen, daß sie bis weit in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts auch dort gewohnt hat.
1393 wird Gilbert von Rodenhausen als Komtur auf dem Schiffenberg erwähnt. Ein Glied der Familie wird 1449 noch einmal genannt, als die Meisterin Gertrud von Rodenhausen beim zuständigen Erzbischof von Trier um die Einverleibung des Nonnenklosters Cella(unterhalb des Schiffenbergs) in das Deutschherrenhaus nachsucht.
Wir schließen den Kreis, indem wir feststellen, daß zur Zeit des Bau— beginns dieses Hauses Gießen den Charakter einer aufstrebenden lan- desherrlichen Stadt hatte, in der die Verwaltung zu gleichen Teilen den Burgmannen und den Bürgern unter der Oberaufsicht des landgräf- lichen Beamten, des Schultheißen, übertragen war.
Urkunden und Siegel wurden bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhun- derts von Schultheiß, Burgmannen und Schöffen gemeinsam ausgefer- tigt.
Erst ab 1370 machte sich das wachsende Selbstbewußtsein der Bürger dadurch bemerkbar, daß Schöffen, Rat und Bürgermeister einerseits und Burgmannen andererseits als gleichberechtigte Partner miteinander verhandeln.
Das gemeinsame politische Interesse als landgräfliche Stadt führte auch in der Folgezeit zu keinen größeren sozialen Spannungen, zumal der Landgraf die vielfache Hilfe seiner Stadt und ihrer Bürger zu schätzen wußte und sich je und dann in dieser oder jener Weise dank- bar zeigte.
Gießen blieb bis zum Bau der großen Landesfestung im Jahre 1530 unter Philipp dem Großmütigen ein verhältnismäßig kleines Ackerbür- gerstädtchen mit klar umrissenen, aber auch begrenzten politischen und ökonomischen Funktionen. Doch das oft so unwichtig scheinende 14. Jahrhundert hat der Stadt und damit uns allen ein prächtiges Denkmal hinterlassen.
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