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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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DIEE SrADT GIESSEN UND DER HEIMISCHE RAUM UM DIE MITTE DES 14. AHRHUNDERTS

Voftrag anläßlich der Einweihung des restaurierten Burgmannenhauses am Sonntag, 11. Dezember 1977

An diesem für unsere Stadt bedeutsamen Tag erscheint es sinmvoll, für eine kleine Weile in jene Zeit zurückzugehen, in der Menschen die ersten Hammerschläge zur Errichtung dieses Hauses taten, eines Hau- ses, das sich anlehnt an die Westseite des ältesten Mauerzuges jener frühen Siedlung, die sich wohl bald nach der Erbauung einer Wasser- burg der Gleiberger Grafen hier im versumpften Delta der Wieseck gebildet hatte und den Namen"zu den Giezzen annahm. Wir dürfen mit Recht stolz sein auf dieses Burgmannenhaus, dankbar auch, daß es in seiner Bausubstanz von den Kriegsbränden nicht vollständig zerstört wurde.

Gewiß hat das Ergebnis wissenschaftlich exakter Untersuchung mit der Feststellung des Baubeginns im Jahre 1349 nicht den Ehrgeiz bestäti- gen können, das älteste Fachwerkhaus unser eigen nennen zu dürfen; doch ist es schon ein Grund zur Freude, wenn uns von Experten be stätigt wird, daß es immerhin das drittälteste- bisher ermittelte muß man fairerweise hinzufügen- Fachwerkhaus in Deutschland ist.

Der Baubeginn führt uns in die Mitte des 14. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das der ganz großen, spektakulären Ereignisse zweifellos entbehrt, und das daher in den Geschichtsbüchern nur ein kärgliches Dasein fristet und in unser aller Erinnerung wohl kaum solche Spuren hinterlassen hat wie z. B. vorher das 12. Jahrhundert mit einem Kulmi- nationspunkt des Hochmittelalters, den Stauferkaisern, das 13. Jahr- hundert mit der"kaiserlosen Zeit, später das 15. Jahrhundert mit seinen weltbewegenden Erfindungen und Entdeckungen oder das 16. Jahrhundert mit dem gewaltigen Umbruch der Reformation.

Ich möchte nun versuchen, den Blick für diesen Zeitraum dadurch zu schärfen, das Verständnis für Mensch und Gesellschaft vor rd. 630 Jahren damit zu wecken, indem ich die Gedanken gleichsam dreidi-

mensional auf jene Säulen staatlichen Lebens richte, die- sich da- mals deutlich herausbildend- bis zum heutigen Tag die politische Landschaft der Deutschen bestimmen:

Reich- Land(Stadt)-Gemeinde

Das 14. Jahrhundert ist im Gegensatz zur landläufigen Meinung auch deshalb wichtig für den Lauf deutscher und abendländischer Geschich- te, weil alle die Mächte, die die vorausgegangene Zeit beherrscht hatten, in der Auflösung begriffen waren.

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