Der christlich-europäische Universalismus war zerbrochen. Weder das Kaisertum noch das in die Gefangenschaft von Avignon geratene Papsttum konnten ihn mehr verwirklichen, obschon König Heinrich VII., der Graf aus dem Luxemburger Haus, auf seinem glanzvollen lta- lienzug von Dante als der Verkünder des"Goldenen Zeitalters“ ge- feiert und 1312 im Lateran zum Kaiser gekrönt, das Gegenteil zu be- wiesen schien. Sein plötzlicher Tod bei Siena ist zugleich das Ende deutscher Herrschaft in Italien, und Dantes Schrift De monarchian die umfassendste theoretische Begründung der Weltmonarchie im Mit- telalter, als Weckruf gedacht, wird zum Grabgesang des universalen Kaisertums.
Und doch haben die Jahre um 1350 gerade in jüngster Zeit in der Forschung eine besondere Aufwertung erfahren, sprechen doch bedeu- tende Historiker von der Mitte des 14. Jahrhunderts als gravierendem Einschnitt, der den weiten Zeitraum von 900 bis 1500 in zwei wesent- lich voneinander unterschiedene Perioden trennt.
Auch das Papsttum, das mit Bonifaz VIII. noch einmal einen letzten Versuch zur Rückgewinnung alter Machtfülle unternahm, mußte am Widerstand der Könige Englands und Frankreichs einsehen lernen, daß die Zeit weitergeschritten war. 1309 begann in Avignon die"Babyloni- sche Gefangenschaft“ der Kirche, die bis 1377 dauerte.
Das Reich war inzwischen umgeben von Nationalstaaten, die es an in- nerer Geschlossenheit weit überragten. Das Verhältnis von Krone und Adel hatte sich weiter zuungunsten des Königs verschoben.
An der Spitze stehen jetzt die Kurfürsten, die sich 1338 im Kurverein v. Rhense(am Mittelrhein) auf eine Art Oligarchie als Regierungs- form einigten, dergestalt nämlich, daß der mit der Mehrheit von min- destens vier gegen drei gewählte König keiner päpstlichen Bestätigung mehr bedürfe; aber sie bestimmten gleichzeitig auch, daß er keine Verfügung über Reichsgut ohne ihre Zustimmung treffen durfte.
Dies bedeutete, daß ein König nunmehr so mächtig war, wie es ihm sein eigenes Territorium gestattete. So wurde die Hausmachtpolitik der deutschen Könige und Kaiser des späten Mittelalters eine neue Herrschaftsbasis; sie war keine Pflichtvergessenheit gegenüber dem Reichsgedanken, sondern eine notwendige Folgerung aus veränderten Machtverhältnissen.
Die ganze Ohnmacht der Zentralgewalt zeigte sich dann 1314 in der Doppelwahl Ludwigs IV., des Bayern, aus dem Hause Wittelsbach und Friedrichs von Osterreich, Sohn Albrechts I. Es war kein Zufall, daß schon ein Jahr später mit dem Sieg der drei Waldstätten am Berg Morgarten 1315 sich mit der bald erweiterten Schweizer Eidgenossen- schaft erstmals ein Gebiet vom Reich unabhängig machte.
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