In der Folgezeit verstärkt sich die Dezentralisation trotz mancher Be- mühungen Ludwigs IV., dieser Entwicklung zu begegnen; obwohl sie zur stärksten Territorialmacht Mitteleuropas aufstiegen, gelang es den Wittelsbachern nicht, sich gegen die übrigen Kräfte im Reich und ge-— gen den Papst zu behaupten und das deutsche Königtum in ihrem Haus zu erhalten.
Ludwigs Tod auf einer Bärenjagd bei München 1347 bewahrte das Reich vor einem möglichen Bürgerkrieg. Denn inzwischen hatten fünf der sieben Kurfürsten auf Betreiben des Papstes Clemens VI. den Lu- xemburger Karl IV. zum deutschen König gewählt. In seine Regie- rungszeit, die bis 1378 dauerte, fällt der Baubeginn dieses Hauses.
Karl IV. war sowohl überlegener Diplomat wie nüchterner Realpoliti- ker. In seiner Person verbanden sich ritterlich-höfische Kultur und der Sinn für Kunst in Fühlung mit den Anfängen der Renaissance und bürgerlicher Unternehmensgeist zu einer großen Herrscherpersönlich- keit des zu Ende gehenden Mittelalters.
Er erkannte die inzwischen gezogenen Grenzen königlicher Machtausü- bung. Sein Weitblick sagte ihm, daß es Abschied nehmen hieß von der universalen Reichsidee, daß die bisher untergeordneten Elemente, die Fürsten und Territorialherren nicht mehr länger zu zügeln waren.
So suchte er den Ausgleich mit den Kurfürsten und verbrieft ihnen im Reichsgrundgesetz der"'Goldenen Bulle“ von 1356- so genannt nach den vergoldeten Siegeln- das Recht zur Königswahl, sanktionierte damit einen föderalistischen Reichsaufbau, den er zwar auf Grund sei- ner überragenden Persönlichkeit und seiner geschickten Hausmachtpoli- tik noch selbst zu handhaben wußte, der aber doch die endgültige An- erkennung und den Ausbau der Landeshoheiten in den deutschen Terri- torien auch unterhalb der Kurfürsten bedeutete.
Denn was die"Goldene Bulle“ den Kurfürsten gewährte- Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit, Freiheiten und Mürnzrechte-, wurde in der Folge auch selbstverständliches Gewohnheitsrecht für die Territorialherren.
Hier wäre nun die Gelegenheit gekommen, den Blick weg vom Reich auf das Territorium zu lenken, dem unsere Stadt angehörte, doch würden wir dem Geist und der Szenerie der Mitte des 14. Jahrhun- derts nicht gerecht, wenn wir nicht noch einen Augenblick im größe- ren Rahmen verweilten.
Karls IV. Bedeutung wäre ungenügend beleuchtet, wenn man nicht er- wähnte, wie er mit ebenso überlegter wie sparsamer Finanzpolitik nicht nur seine Hausmacht Böhmen durch ausgreifenden Landerwerb bedeutsam nach Norden, Westen und Osten erweiterte, sondern mit dem Ausbau von Prag erstmals eine Art Herrschaftszentrale mit groß- artigen Bauwerken(Dom und Hradschin) schuf. Hier gründete der ge- lehrte Herrscher 1348 auch die erste deutsche Universität.
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