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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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von Heuchelheim), von Didolshausen(südlich der Badenburg im Wie- secker Feld), von Altenstruth(ostwärts vom Hangelstein) und von Sel- ters, dem großen Dorf zwischen Bahnhof und Kliniksviertel, in der er- sten Hälfte des 14. Jahrhunderts nach Gießen gezogen sind.

Menschen also, die vor den Toren der Stadt geboren wurden, haben dann 1349 als Neubürger und Zugezogene vielleicht am Bau dieses Burgmannenhauses mitgewirkt. Die ehemaligen Dorfbewohner brachten ihre Felder mit, vergrößerten damit die Gemarkung Gießens erheblich und siedelten gemeinsam in bestimmten Bezirken, von denen das Kroppacher Quartier im Westen und das"Seltersporter Quartier im Süden noch bis ins 19. Jahrhundert so benannt waren.

Der umsichtige Landgraf Heinrich I. hatte diese positive Entwicklung für seine Stadt zweifellos schon eingeleitet, und es war nur folgerich- tig, daß sein Sohn Landgraf Otto I. im Jahre 1325 den Bürgern der mNeustadt- wahrscheinlich im Bereich der heutigen Marktstraße-, die damals vor den Mauern wohnten, die gleichen Rechte- Gerichts- stand, Stadtgericht, Anteil an der Allmende- einräumte wie den Bür- gern innerhalb der Mauern. Dieses schriftliche Zeugnis ist zugleich die älteste Urkunde des Gießener Stadtarchivs.

Im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts hatten die junge Stadt und ihre Menschen wieder harte Zeiten zu überstehen. Schon zwei Jahre später im September 1327 fällt die Stadt nach wochenlanger Belage- rung an den Erzbischof von Mainz, dessen Truppen so furchtbar in der Stadt wüteten, daß die Urkunden sicher getreu der geschichtlichen Wahrheit überliefern, die Bürgerschaft habe ihrem Stadtherrn fleißig geholfen, die Mainzer im folgenden Jahr wieder aus den Toren der Stadt zu jagen.

Freilich war dafür der mit großen Opfern erkaufte Sieg Landgraf Heinrichs II. im Gefecht bei Wetzlar am 10. August 1328 die Voraus- setzung. Erzbischof Mathias von Mainz, der im Bündnis mit dem Gra- fen Johann von Nassau-Dillenburg ausgezogen war, die Landgrafschaft Hessen endgültig niederzuwerfen, um die Landeshoheit an sich zu rei- en, mußte zurückweichen.

Wieder fest im hessischen Besitz entwickelte sich die Stadt konti- nuierlich weiter. Die Bürger besaßen eine beschränkte Selbstverwal- tung. Kaufmannsgilden und Handwerkerzünfte erreichten einen relati- ven Wohlstand, von dem die Tatsache zeugt, daß Gießen von 1338 bis 1364 zur Hälfte an die Herren von Falkenstein und Münzenberg ver- pfändet wurde.

Und in diese Zeit fällt nun auch der Baubeginn dieses repräsentablen Hauses, dessen Restaurierung wir heute festlich begehen.

Es ist uns überliefert, daß das Haus für die Burgmannenfamilie von

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