spektakulären Ereignis aus dem Dunkel eines kleinen Provinzstädtchens heraus und beschäftigte die gebildete Welt bis ins Ausland. Die in dem Burghof der Ruine lagernden Studenten waren fest entschlossen, diesmal der behördlichen Willkür standzuhalten und erst zu verhandeln, wenn die Obrigkeit ein Zeichen des Einlenkens setzte. Der auf harte Bestrafung der rebellischen Studenten programmierte Senat drängte nach vier Tagen auf Verhandlungen. Die Studenten bestimmten den Juristen Theodor Götz aus Mainz und Wilhelm Liebknecht zu ihren Wortführern.
Mit bewundernswertem Mut tritt er den Autoritäten der Universität entgegen, und als man ihm bedeutete, er habe gar nichts zu sagen, sondern nur Anordnungen zu empfangen, bestand Liebknecht auf den Forderungen seiner über 300 Kommilitonen auf dem Staufenberg, im-— mer in der Gefahr, in den Karzer abgeführt zu werden. Er machte in beredsamer Weise den Professoren des Senats deutlich, daß man nicht daran denke, diesmal nachzugeben. Durch die Intervention des Gieße- ner Gemeinderates, der mit den Studenten politisch sympathisierte und auch wirtschaftliche Nachteile fürchtete, gelang es, den Senat zum Nachgeben zu veranlassen, und unter großem Jubel der Bevölke- rung kehrten die Ausgezogenen nach fast 3 Tagen in die Stadt zurück. Dem Wortführer Wilhelm Liebknecht jedoch wurde nahegelegt, von Gießen wegzugehen, wenn er das offizielle"consilium abeundi“(= Ausschluß vom Studium) vermeiden wolle.
Abschied von Gießen
Im Frühjahr 1846 nahm er seinen Auswanderungsplan wieder auf. Um nicht unvorbereitet in der neuen Welt anzukommen, ging er bei dem Gießener Ratsherr Balthasar Herbert eine Zimmermannslehre ein. Er war dort dem Zimmerer Rohm und dessen Sohn aus Wieseck zugeteilt und durfte bei dem Neubau der Gießener Lahnbrücke helfen, deren Holzwerk seinem Meister übertragen worden war. Nach 6 Wochen wurde der Lehrling Liebknecht in den Gesellenstand erhoben.
Zum Wintersemester 1846/47 ging Liebknecht noch einmal zur Fort- setzung seines Studiums in das benachbarte Marburg, wo er in der Wettergasse wohnte und in seiner freien Zeit das Büchsenmacher- handwerk erlernte. Aber auch in Marburg stieß er mit seiner Gesin- nung und politischen Aktivität sehr bald an die engen Grenzen damali- ger Freiheit. Als gegen ihn bereits disziplinarische Maßnahmen einge- leitet worden waren, um ihn zu relegieren(= von der Universität zu verweisen), kehrte Wilhelm Liebknecht noch vor dem Ende des 88 1847 nach Gießen zurück, schloß sich erneut dem bestehenden Aus- wanderungsverein an und bereitete seine Abreise vor.
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