WILHELM LIEBKNECHT UND SEINE JUGENDZEIT IN DER STADT UND AN DER UNIVERSITAT IN GIESSEN
Aufsatz aus: nEpistula- Zeitschrift der Landgraf-Ludwig-Schule Gießen“, Nr. 46
Einflüsse von Reaktion und Freiheitsstreben in seiner Vaterstadt auf den Lebensweg des großen Vorkämpfers der Arbeiterbewegung
Wer den Lebensweg bedeutender Menschen aufhellen will, tut gut dar- an, in die Kindheit und Jugendzeit zurückzugehen, deren historischen Hintergrund zu erfassen sowie die besondere familiäre und gesell- schaftliche Situation in seiner Zeit zu beleuchten. Dazu können Auto-— biographien wertvolle Dienste leisten; sind sie nicht da, dann ist man bei der Betrachtung auf manches angewiesen, das nur versteckt oder zwischen den Zeilen entdeckt werden kann.
Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß Wilhelm Liebknechts plötzli-— cher Tod am 7. August 1900 verhindert hat, seine Erinnerungen der Nachwelt zu überliefern. Eine Fülle reicher Erfahrungen seines beweg- ten Lebens, insbesondere auch aus seiner Jugendzeit, blieben uns so leider vorenthalten. Wir können aber sicher sein, daß jene ersten 20 Lebensjahre(1826- 1846), die er in seiner Geburtsstadt verbrachte, diesen aufrechten und unerschrockenen Mann geformt haben und sei-— nen Gang durch die folgenden 54 Jahre seines Lebens und Kämpfens entscheidend beeinflußten.
Wilhelm Liebknecht hatte die feste Absicht, seine MNemoiren zu schreiben. Dies geht aus mehreren Briefen hervor, die er in seinen letzten Jahren an Freunde in Gießen gerichtet hat. So steht in einem Brief an Carl Orbig, seinen Gießener Parteifreund, mit dem er seit 1869 in Verbindung stand und in dessen Gasthaus"Zum Ritter“ in der Rittergasse er immer dann abstieg, wenn er wieder einmal in der Heimat weilte, am 23.12.1898: Du sprachst mir früher einmal von einem Denkmal, wo einer meiner Vorfahren genannt ist- ich glaube als Rektor der Universität. Was kannst Du mir darüber sagen? Ich werde jetzt gedrängt, meine Lebensgeschichte zu schreiben und muß Material über meine Jugend sammeln. Im Sommer komme ich zu die— sem Zweck nach Gießen und bleibe mindestens 14 Tage. Auf die Zeit freue ich mich schon!“
Noch 4 Monate vor seinem Tode am 31.3.1900 heißt es in einem an-— deren Brief an Carl Orbig: 1. An meinen Erinnerungen fange ich nun an, eifrig zu arbeiten. Da wird viel von Gießen die Rede sein. Ich ha— be mich aber noch über vieles zu erkundigen, und da rechne ich hauptsächlich auf Dich!“
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