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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Beredte Zeugnisse

Wilhelm Liebknecht hat- und das ist das Erstaunliche und eigentlich Große an diesem in internationalen Kategorien denkenden Mann niemals seine Herkunft verleugnet oder seine Heimat vergessen. Er wurzelt nicht da, wo er herkam, aber er wußte um die Kräfte und Einflüsse, die er in seinen beiden ersten Lebensjahrzehnten in Gießen erfahren hatte. Auch hierfür haben wir eine Reihe beredter Zeugnisse. So schrieb er am 19.9.1899- nach einem kurzen Verweilen im Hes- senland- an seinen Freund Carl Ulrich, den späteren ersten Staats- präsidenten des Volksstaates Hessen u.a.: w. aber die Heimat hat es mir angetan und die Goethefeier. Es war so schön, und ich brauchte wirklich etwas Erholung...

In den Briefen an Carl Orbig wird der Bezug zur Vaterstadt deutli- cher. In einem Brief vom 17.1.1897 heißt es:"Für diesen Spätsommer ist eine Reise ins Hessenland beschlossene Sache, und zwar bringe ich einige Mitglieder meiner Familie mit, die einmal das Nest sehen sol- len, aus dem ich ausgeflogen bin. Ich bleibe dann mindestens 8 Tage in Gießen und Umgegend, und ich hoffe Du, nebst den anderen Gieße- ner Freunden, wirst mich dann manchmal begleiten.

Am 17.10.1898 schrieb er aus der Vorwärts-Redaktion: uEs waren herrliche Stunden in Gießen und Marburg. Und sicher komme ich bald wieder und auf längere Zeit. In einem Brief vom 11. November 1899 steht:Nicht wahr, Du schreibst mir einmal, wie's in Gießen und um Gießen steht. Ich wäre gar gerne einmal da!

In der ZeitschriftNeue Deutsche Rundschauu(IX. Jg., 1898, S. 397 ff.) äußerte sich Wilhelm Liebknecht zu seiner Geburtsstadt:"... Als wir uns Gießen näherten( es handelte sich um die Rückkehr der Studenten vom Auszug nach dem Staufenberg im August 1846-), wur- den wir schon von Bürgern und Bürgerinnen empfangen, die uns nach dem Universitätsgebäude geleiteten... Wich erinnerte man(bei dieser Gelegenheit), daß ich doch selbst ein"Stadtkindu sei. Was ich übri- gens bis auf den heutigen Tag nicht vergessen habe."

Und einige Seiten weiter in derselben Zeitschrift heißt es: u...Und mein Gießen lob ich mir, es ist zwar kein Klein-paris, aber es ist Gießen, und wenn immer ich einmal daran denke, fern vom Kampfge- wühl in Ruhe und Freiheit, dann denke ich an mein liebes Gießen mit der schönen Umgegend, in welcher weit und breit kein Stein ist, den ich nicht in der Kindheit und Jugend betreten(habe).

Friedrich Wilhelm Weitershaus hat in seiner Genealogie der Familie Liebknecht überzeugend nachgewiesen, daß Wilhelm der Sproß einer Großbürgerfamilie war, in der neben dem berühmten Urgrogvater Jo- hann Georg, dem Professor der Theologie und Mathematik und Rektor

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