der Ludoviciana, noch viele Beamte und andere Staatsdiener vertreten sind. Um so erstaunlicher muß es sein, daß dieser Sohn einer gehobe-— nen und privilegierten Gesellschaftsschicht den Weg des revolutionären politischen Kampfes im Interesse der Unterdrückten und Entrechteten geht, vielfach verkannt und geächtet, gedemütigt und verfolgt, fast 5 Jahre seines Lebens in Gefängnissen eingekerkert, bis zum letzten Atemzug aufrecht streitend gegen unangemessene Macht von Menschen über Menschen. Wo liegen die tieferen Beweggründe für sein Handeln? Was hat ihn veranlaßt, den ihm von Geburt und Herkunft vorgezeich- neten Weg zu verlassen und den unruhigen, harten, oft einsamen Pfad zu gehen?
Gießen vor 150 Jahren
Blenden wir zurück nach Gießen in die Zeit vor 150 Jahren. Die klei- ne Stadt hatte zwar- von Napoleon erzwungen- gerade erst ihre Fesseln in Form der Festungswälle und-mauern niederlegen können, doch auch noch ein Jahrzehnt nach dem Wiener Kongreß stagnierte ihre Entwicklung, und die Einwohnerzahl war nur wenig über 5000 hinausgewachsen. Mehr noch als früher bestimmte die Landesuniversi- tät, ihre ca. 30 Professoren und rund 500 Studenten, das Fluidum der Stadt, vor allem nachdem der fortwährende Streit zwischen Soldaten und Studenten den inzwischen zum Großherzog hochgestuften Landes- herrn von Hessen-Darmstadt im Jahre 1821 veranlaßt hatte, sein Mili- tär aus Gießen abzuziehen. Im übrigen aber blieb Gießen noch bis weit ins 19. Jahrhundert jenes verträumte Ackerbürgerstädtchen, in dem jeder Einwohner vom Hirten bis zum Professor großen Wert auf ein eigenes Triebviertel in der städtischen Allmende legte, um seinem mehr oder weniger bescheidenen Verdienst noch einiges an Naturalien hinzufügen zu können.
Wacher Geist
Doch lebte in dieser Stadt, nicht zuletzt durch den Einfluß ihrer Uni- versität, ein wacher, kritischer Geist, der sich in der liberalen Hal- tung der Bürger ebenso niederschlug wie im drängenden Vorwärts- stürmen jener radikalen Studentenbewegung, die als"Gießener Schwarze“ weit über die Grenzen der Stadt hinauswuchs und das gei- stig-politische Klima im Deutschen Bund des Vormärz nachhaltig be- einflußt hat.
Die Generation, die zwischen den Karlsbader Beschlüssen und der Re— volution von 1848 aufwuchs, empfand den Abscheu vor dieser finsteren Zeit der Unterdrückung und des Unrechts und fühlte die Ohnmacht nach anfänglich hoffnungsvollem Aufbruch um so bedrückender. Es war zweifellos eine Übergangszeit, das Zu-Ende-Gehen des bisher Beste-
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