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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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henden und für unerschütterlich Gehaltenen, aber gleichzeitig eine Pe- riode der Unsicherheit und zunehmend auch Hoffnungslosigkeit und Unberechenbarkeit dessen, was man Zukunft nennen mag. Wer kann die verzweifelten Versuche zählen, dem Einfluß jener Umwelt zu ent- rinnen, die meist Leid ohne Ausweg brachten und von der Gerechtig- keit nur träumen ließen. Die Jugend, die mit Begeisterung die Dikta- tur Napoleons beseitigen half und die den Grundstein für einen Neu- bau des Kontinents Europa legen wollte, sieht sich durch den Wiener Kongreß schwer enttäuscht und verfällt unter der Reaktion der Heili- gen Allianz Metternichs großenteils in Resignation.

In diese geistig-politische Sphäre ist Wilhelm Liebknecht hineingebo- ren, doch wächst er in einer Stadt auf, in der es hoffnungsvolle An sätze im Streben nach mehr Freiheit und Menschenrechten gegeben hatte. Bereits im Jahre 1814 war hier- wie in anderen deutschen Universitätsstädten- eine"teutsche Lesegesellschaft von zurückkeh- renden Studenten gebildet worden, die sich die Wahrung der Volks- rechte und eine konstitutionelle Staatsform zum TZiel gesetzt hatten. Es war die Keimzelle jener studentischen Vereinigung, die wegen ihrer bis zum Halskragen zugeknöpften Röcke und ihrer schwarzen Samtba- retts als die"Gießener Schwarzen bekannt geworden sind. Lange, bis zu den Schultern herabhängende Haare waren ihr Stolz.

Geist und Lebensweise dieser verschworenen studentischen Gemein- schaft und ihre politischen Forderungen wurden entscheidend bestimmt von dem jungen Rechtswissenschaftler Follen, der das demokratische Prinzip in einer Zeit durchzusetzen bemüht war, als die alten Gewal- ten längst zum Gegenangriff geblasen hatten.

Nach dem demonstrativen Eintreten für die bürgerliche Gleichheit, für Recht und Freiheit und für die nationale Einheit beim Wartburgfest im Oktober 1817 wurde die Bewegung empfindlich gelähmt durch die Karlsbader Beschlüsse, die jeden aus dem Staatsdienst ausschlossen oder fernhielten, der im Geruch stand, dieser"radikalen Studenten bewegung nahezustehen oder ihr früher angehört zu haben. So ruft später Karl Follen aus Amerika, wohin er 1824 auswandern mußte, anklagend in seine alte Heimat zurück: Meine Wunden, von neuem blutend, schrien gegen die großen Feinde, die mir meine Heimat, meine Freunde, meine Vergangenheit und meine Zukunft raubten.

Studentenauszüge

Die von den"Gießener Schwarzen ausgehenden Impulse hielten den Geist der Kritik an den bestehenden Zuständen in dieser kleinen Uni- versitätsstadt auch in jenen finsteren Jahren wach, als mit der Turn sperre und anderen Repressalien alle freiheitlichen Bestrebungen ge- troffen und im Keim erstickt werden sollten. Bereits im August 1819

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