zog die Gießener Studentenschaft geschlossen aus. Ende Juli 1826 fin- den wir die Studenten auf dem Gleiberg, und auch im August 1829 geht es vom Sammelpunkt auf dem Trieb hinüber zur Burg in der preußischen Nachbarschaft.
In diesen demonstrativen Auszügen der Studenten, die jeweils gegen besonders drastische Unterdrückungsmaßnahmen und Disziplinierungen gerichtet waren, zeigte sich der ungebrochene Wille der studentischen Jugend, mehr Freiheit zu erzwingen. Die von Metternich und seinen Schergen wiedereingeführte Zensur aller literarischen Werke und Druckerzeugnisse, mit der auch die Universität unter Polizeiaufsicht gestellt wurde, und das absolute Verbot jeder studentischen Verbin- dung sollten damit besonders deutlich angegriffen werden.
Trotz des strengen Verbots wurde in den 20er und 30er Jahren in Gießen unter den Studenten wie bei den Bürgern weiter geturnt— meist heimlich in privaten Hintergärten. Carl Vogt, der berühmte Zoologieprofessor und 1848 radikaldemokratischer Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche, berichtete in seinen Lebenserinnerungen: Hinter dem Hofe erstreckte sich ein kleines Gärtchen, dessen Aus-— gangstür in eine Sackgasse führte, welche noch jetzt den Namen des Teufels Lustgärtchen’ führt. In diesem Garten ließ mein Vater.. zum größten Arger der.. Demagogenschnüffler eine Turnanstalt einrich- ten, auf welcher der später bekannt gewordene(Adolf) Spieß, der damals in Gießen Student war, sich zuerst mit manchen Genossen üb— te. Das Turnen galt damals als staatsgefährlich hoch verpönt, aber mein Vater behauptete sich gegen Polizeimaßregeln und Schikanen. Er verteidigte sich mit dem Hinweis auf seinen eigenen Grund und Boden mit den Worten: Ich kann nichts dafür, wenn die Kerle(Studenten) über die Hecken springen“.“
Neuen Auftrieb erhielt die freiheitliche Bewegung unter den Studenten durch die Julirevolution 1830 in Frankreich. Ein knappes Jahr später im Frühjahr 1831 ziehen zahllose polnische Familien auf der Flucht nach ihrem gescheiterten Aufstand auch durch Gießen, und hier haben wir die erste nachweisbare Erinnerung Wilhelm Liebknechts an seine Kindheit, denn eine polnische Flüchtlingsfamilie wird für einige Tage von den Liebknechts aufgenommen, und der kleine Stanislaus- so alt wie er— wird sein Freund. Den durchziehenden Polen bereiten die Studenten gemeinsam mit der demokratisch gesinnten Bürgerschaft ei- nen begeisterten Empfang.
Die Eltern sterben Bei einem im Sommer 1831 von der nun wieder stärker politisch mo-
tivierten Studentenschaft veranstalteten Tanzfest werden die Embleme der französischen Julirevolution gezeigt, und bei der am nächsten Tag
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