Druckschrift 
Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
Seite
188
Einzelbild herunterladen

erfolgten Wagenfahrt nach Friedberg werden die schwarzrotgoldenen Schärpen öffentlich getragen, was in jener Zeit eine ungeheuerliche Provokation der Obrigkeit war.

Inzwischen waren für den kleinen Wilhelm schwere Zeiten angebro chen: Am 17.10.1831 starb seine Mutter im Alter von 28 Jahren, und schon ein Jahr später, am Heiligabend 1832, verschied auch der Vater mit 45 Jahren. Der sechsjährige Wilhelm war Vollwaise geworden.

Die seit Ende der 20er Jahre etwas locker gelassenen Zügel der Zucht und Unterdrückung waren von der großherzoglichen Regierung inzwi- schen wieder angezogen worden, da nach dem Hambacher Fest (27.5.1832) die Studentenbewegung beträchtlich an Stärke zugenommen hatte. Vor allem die mehr oder weniger heimlichen Turner wurden verfolgt. Adolf Spieß entging seiner drohenden Verhaftung durch die Flucht in die Schweiz, der demokratisch gesinnte Turnverein des Dr. Bansa wurde polizeilich geschlossen, die fröhlichen und harmlosen Spiele auf dem Trieb mußten eingestellt werden.

Den vorläufigen Todesstoß für alle freiheitlichen Regungen brachte der mißglückte Sturm auf die Frankfurter Hauptwache am 3.4. 1833, an dem auch Gießener Burschenschaftler und Mitglieder des Turn- kränzchens beteiligt waren. Wem es jetzt nicht gelang zu fliehen, war langen Untersuchungen ausgesetzt.

Aber der Gedanke an Menschenrecht und Freiheit lebte trotz aller Verfolgung weiter. Im benachbarten Butzbach wirkte seit 1812 der Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig, der dieses verträumte hessische Kleinstädtchen in zäher Bildungsarbeit zu einem Zentrum liberaler Bürgergesinnung gemacht hatte. Liebknecht und Weidig hatten als ge- meinsamen Urgroßvater den Gießener Theologieprofessor Jochann Georg Liebknecht(1679- 1749). Die Mutter Weidigs war eine geborene Lieb- knecht, während Wilhelm Liebknechts Frau eine Nichte von Friedrich Ludwig Weidig war. Als zu Beginn der 30er Jahre auch solche Bürger- vereinigungen- wie in Butzbach argwöhnisch bespitzelt und mit Verboten belegt wurden, ja Weidig selbst erstmals verhaftet worden war, ging man zur Bildung von geheimen politischen, sog. revolutionä- ren Clubs über, von denen zu Beginn des Jahres 1834 auch zwei in Gießen bestanden. Einer von beiden- durch den 20jährigen Nedizin- studenten Georg Büchner begründet erfaßte Studenten und liberale Bürger unter einem gemeinsamen Ziel, und symbolisch nennt Büchner sie nicht mehr Burschenschaft, sondern"Gesellschaft der Menschen- rechte und deutet damit das Ziel seines Kampfes an.

Seit dem Herbst 1833 studierte Büchner in Gießen, um Neujahr 1834 macht ihn sein Freund August Becker- später bekannt unter dem Namen"der rote Becker- auf Weidig aufmerksam, führt ihn dort ein, und bald entsteht zwischen diesen beiden bedeutenden persönlich-

188