konsequenten Denker August Böckh in das klassische Altertum einfüh-— ren und besuchte die Vorlesungen der Gebrüder Grimm, die ja zu je— nen"Göttinger Sieben“ zählten, die mit ihrem mutigen Widerstand gegen den König Ernst August von Hannover 1837 ein Signal für die Freiheit des Geistes gesetzt hatten. Dies alles bedeutete eine Abrun- dung seiner humanistischen Bildung, die seine Persönlichkeit prägte und sein Wesen bestimmte.
Wichtiger noch für seine Entwicklung aber waren in Berlin die Diskussionsrunden mit Gleichgesinnten über Ppolitik, vor allem über den utopischen Sozialismus. Sie füllten seine Freizeit aus und halfen seinen Hang zur Isolation, zur- wie er einmal sagte- uspekulativ grübelnden Stubenhockernaturu abbauen.
Als er im Frühjahr 1846- um die Zeit seines 20. Geburtstages- in seine Vaterstadt Gießen zurückkehrte, war er fest entschlossen, sein Studium abzubrechen oder wenigstens sein Berufsziel zu ändern. Er hatte erkannt, daß er entweder seine Gesinnung ändern oder aber auf eine Verwendung im Staatsdienst verzichten müsse. Auch mit dem Gedanken an Auswanderung ging er schon um. Doch noch einmal be— zog er für ein Semester eine Studentenbude in Gießen, diesmal in dem Haus des Schreiners Marguth, das gegenüber seinem Geburtshaus stand. An diesem 1937 abgebrochenen Haus hing von 1926 bis 1933 eine Gedenktafel zu Ehren Wilhelm Liebknechts. Marguth war ein stu-— dentenfreundlicher, fortschrittlich denkender Vermieter, der später selbst in die Mühlen der obrigkeitlichen Verfolgungen geriet.
Wilhelm Liebknechts letzte Studentenzeit in Gießen- das 88 1846— stand bereits in der gespannten Atmosphäre der zur Veränderung drängenden Zeit in Europa, die auch die Studentenschaft wieder stär- ker politisierte und solidarisierte.
Nach ungesetzlichen, tätlichen Übergriffen der örtlichen Polizei auf einen Studenten im Ballhaus im Buschschen Garten(heute Steinsgar- ten) am 31.7.1846 kam es zu Demonstrationen und Umzügen der Gie- ſener Studentenschaft, die ihrerseits wiederum Relegationen und di- verse Karzerstrafen nach sich zogen. Als schließlich von Butzbach aus das großherzogliche Militär in die Stadt einrückte, beschlossen die Gießener Studenten einen allgemeinen Auszug auf den Staufenberg, um ein mögliches Blutvergießen zu verhüten, gleichzeitig aber auch die Obrigkeit zu veranlassen, das Wilitär wieder zurückzuziehen. Am Vor-— mittag des 7. August setzte sich die fast 400 Mann starke Studenten- schaft vom Seltersberg aus in Marsch.
Erstmals Wortführer
Die liberal eingestellte Bevölkerung der Stadt unterstützte die Studen- ten nach besten Kräften. Für eine kurze Zeit trat Gießen mit diesem
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