Der Sturm auf den Karzer
Als die hart bedrängte Studentenschaft sich mit der gewaltsamen Be- freiung von gefangenen Kommilitonen im Sturm auf den— am Zeug-— haus noch heute sichtbaren- Karzer am 25.7.1839 Luft machte, war Liebknecht in sein 14. Lebensjahr eingetreten. Er erlebte dieses Auf- begehren der studentischen Jugend und sah auch, daß entschiedener Widerstand gegen Unrecht erfolgreich sein konnte, denn im Jahre 1840 wurde das Verbindungsverbot gelockert, und als er im Mai 1843 die Universität bezog, spürte er in seiner Verbindung Rhenania den wie-— derbelebten Geist der"Gießener Schwarzen“ aus der Zeit Karl Fol- lens.
An den Geist dieser Demagogen genannten Männer hat sich Lieb- knecht später immer wieder erinnert, wenn er in seine Heimat zu— rückkehrte oder dort im politischen Kampf stand. Er selbst sagte da- zu: Dies alles— und damit meinte er die Demagogenverfolgungen in Hessen, den tragischen Tod seines Großonkels Weidig, die Verurteilung der Verschwörer, die Flucht Georg Büchners, die Verfolgung der frei- heitlich gesinnten Studenten- prägte sich in meine Seele um so tie-— fer, je mehr meine Umgebung mit Rücksicht auf meine Erregbarkeit bemüht war, das alles vor mir verborgen zu halten.“ Das hatte nur zur Folge, daß die Empörung und der Zorn sich tiefer in mich hinein— fraßen, und weil ich- meine Eltern waren gestorben, als ich noch ein Kind war- niemand hatte, dem ich meine Gefühle und Gedanken ausschütten konnte, so gewöhnte ich mich an das Alleinsein mit mir selbst, eine Gewohnheit oder Eigenschaft, die mich in meinem späte— ren Leben zwar um manche Freude gebracht, mir aber auf der ande-— ren Seite auch sehr große Dienste geleistet hat.“
Auf der Universität fand er sich dann doch bald unter Freunden und Gleichgesinnten wohl und studierte zunächst Philosophie und Theologie. Besonders Hegels philosophische Thesen und die Schriften des französi- schen utopischen Sozialisten Graf Saint-Simon beschäftigten ihn stark und wiesen ihn bereits in eine bestimmte Richtung seines Lebens, weg vom dogmatisch-strengen und konfessionsgebundenen Christentum zu einem Leben tätiger Nächstenliebe, die er als Waisenkind so schmerz-— lich vermissen mußte und wo er im Denken Saint-Simons einen Le— bensinhalt erkannte: Die große revolutionäre Auseinandersetzung um politische und soziale Gerechtigkeit, der Kampf der uzahlreichsten und ärmsten Klasse“ gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Darüber sagte Liebknecht:"Schon ehe ich nach Berlin ging(im WS 1845/46), stand es für mich fest, daß ich dem herrschenden politischen System nur als Feind gegenübertreten konnte“. In Berlin selbst beschleunigte sich der Prozeß der Loslösung von tradierten Vorstellungen, und er durch-— schaute die Halbheit und Leere seiner bisherigen Umwelt um so er— schrockener. Er hörte dort Philosophie bei Schelling, ließ sich von dem
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