Landboteu unter seinem aufrüttelnden Kampfruf: IFriede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Er trägt die Handschrift Georg Büchners, doch hat Friedrich Ludwig Weidig den Text redigiert. Dieses Manifest so- zialen Unrechts geht wie ein Aufschrei durch das Land und darf als das bedeutendste Werk des Kampfes für Menschenrechte und Freiheit im Deutschland des Vormärz bezeichnet werden.
Doch die Obrigkeit schlug unbarmherzig zu. Schon am 1.8.1834 wird der Gießener Student Winnigerode am Selterstor in Gießen verhaftet, als er aus Offenbach die ersten Exemplare des"Landboten“ nach Gießen bringt. Im April 1835 muß Georg Büchner endgültig aus Hes- sen-Darmstadt fliehen, um sich der drohenden Verhaftung zu entzie-— hen, und mit einem schimpflichen Verrat aus Geldgier und Ehrgeiz endete im gleichen Monat auch die Verbreitung der 2. Auflage des Hessischen Landboten“.
Mit der Verhaftung Weidigs am 24.4.1835 begann eine grauenvolle, fast zweijährige Leidenszeit für diesen Vorkämpfer für Recht und Freiheit, die am 23.2.1837 nach schweren Folterungen in einer Darm-— städter Gefängniszelle endete. Gegen 30 Beteiligte dieser Verschwö- rung in Oberhessen waren am 5.11.1835 vom großherzoglichen Hofge- richt in Gießen harte Urteile bis zu 10 Jahren Zuchthaus gefällt wor- den. Die revolutionäre Bewegung war damit um Jahre zurückgeworfen.
Inzwischen war der junge Wilhelm Liebknecht 1835 in das traditions- reiche Gießener Gymnasium aufgenommen worden, das damals noch in dem repräsentablen Fachwerkbau an der Ecke Sonnenstraße/Neuen Bäue untergebracht war, einem Gebäude aus dem Anfang des 17. Ih., das im Volksmund Pädagog“ genannt wurde.
Die Zeugnisse weisen Wilhelm als einen strebsamen, fleißigen Schüler aus, der 1842 nach siebenjährigem Schulbesuch- der damals üblichen Dauer- mit 16 3/4 Jahren seine Maturitätsprüfung ablegt, um die Universität seiner Vaterstadt zu beziehen. Wir wissen aus den wenigen Erinnerungen, die Liebknecht in seinen letzten Lebensjahren niederge- schrieben hat, daß die Zeichen der Zeit nicht ohne Wirkung auf sein politisch-gesellschaftliches Bewußtsein geblieben sind: So etwa, wenn er davon berichtet, wie es ihn aufwühlte, wenn er als Gymnasiast das Marburger Schloß besuchte, wo seit dem August 1839 der kurhessische Vorkämpfer für Demokratie Prof. Sylvester Jordan in einer Zelle ein—- gekerkert saß. Dort suchte Wilhelm bisweilen hinter den Gittern die bleichen Züge des Mannes, der nur selten sichtbar war, gelegentlich jedoch gedankenvoll und sehnsüchtig herausschaute.
Auch die brutale Unterdrückung der Gießener Burschenschaften und aller anderen studentischen und turnerischen Verbindungen, vor allem seitens des reaktionären Universitätskanzlers v. Linde, blieb auf den wachen Schüler nicht ohne Einfluß.
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