1200 JAHRE WIESECK
Festvortrag anläßlich des Festakts in der Friedrich-Ebert-Schule in Gießen-Wieseck am Samstag, den 9. August 1975
Hochverehrte Festversammlung! Meine Damen und Herren! Liebe Wiesecker Mitbürger!
Ein Redner, der zur Festansprache anläßlich der 1200-Jahrfeier eines Gemeinwesens eingeladen wird, muß sich die Frage stellen, was er ei-— gentlich seinem Publikum, den Ehrengästen und Einwohnern, zu diesem Tage sagen will.
Ich meine, die Betrachtung einer schriftlich nachweisbaren 1200jähri- gen Vergangenheit kann nicht die ganze Breite geschichtlicher Ent- wicklung zum Inhalt haben; deshalb sollte diese Entwicklung nicht im - oft sinnwidrigen- Aneinanderreihen möglichst noch chronologisch geordneter Einzelheiten oder im amüsanten Geplauder über frühere Kleinstaaterei und ehemaliges Dorfgeistdenken abgehandelt werden.
Natürlich ist es nicht ganz uninteressant zu wissen, daß da im Westen der Wiesecker Gemarkung die ihr Bett oft wechselnde Lahn jahrhun- dertelang eine unsichere Grenze zum ufeindlichen“ Ausland, nämlich zur Grafschaft Nassau/Weilburg, bildete und daß hier noch vor genau 109 Jahren Feinde“ militärisch Front bezogen, als die 1815 preußisch gewordenen Dörfer des Kreises Wetzlar dem auf österreichischer Seite stehenden Gießen und Wieseck im Krieg, den man den deutschen Bru— derkrieg genannt hat, gegenüberlagen. Zum Glück für unsere Groß- und Urgroßeltern- hüben wie drüben- ist es ja damals nicht zur blutigen Auseinandersetzung oder zum Sturm auf die Stadt Gießen von Krofdorf, Launsbach und Wißmar aus gekommen, weil die Strategien der Großen die Armeen"weit hinten in der Türkei“ aufeinanderschla- gen ließen, d.h. die Entscheidung darüber, wer künftig die Führungs- macht im Raum des Deutschen Bundes übernehmen sollte, bei König- grätz oder Sadowa an der oberen Elbe fällten.
Was soll aber nun einen Festvortrag kennzeichnen, ihm die Würze ge— ben, Spannung wecken oder erhalten, wenn nicht diese beschaulichen, oft pikanten, meist aber mehr oder minder unwichtigen Begebenheiten aus längst vergangener Zeit?
Ich meine, der Anspruch ist heute höher zu stellen.
Dies aber nicht so sehr in einer Verwissenschaftlichung historischer Abläufe, die hier fehl am Platz wäre und auch nicht im oft spekulati- ven Abtasten von Möglichkeiten, die in früheren Zuständen und Ent-—
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