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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Phantasie reichlich Zeit und sehr viel Geld.

Das Ziel ist gesteckt: Es soll möglichst alles gesammelt wer den, was in der Stadt gedruckt und publiziert wird, gleichgültig ob es von Privatpersonen, Vereinen, Parteien oder den verschie- denen Behörden kommt. Aber wer bringt dies dem Archiv? Wo entdeckt man solches Material? Wie kommt man an Dinge, die man nicht bestellen kann, ja von denen man, wenn überhaupt, nur durch Zufall erfährt? Hier wäre auch personell ein größerer Apparat notwendig. Immerhin nimmt auch ohne diese günstigen Voraussetzungen dieser Sektor der Archivarbeit einen immer breiteren Raum ein. Doch allein die sinnvolle Sammlung und Bereitstellung zeitgeschichtlichen Materials durch Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte, durch Bilder, Filme, Tonbänder u.-. würde die ganze Arbeitskraft eines Mitarbeiters erfordern. So aber ist schon die exakte Führung einer stadtgeschichtlichen Chronik nur sehr bedingt und mit großen Lücken möglich. Wenn trotzdem eine Menge Sammlungsgut im letzten Jahrzehnt archi- viert wurde, so ist das zwar erfreulich, blieb aber doch unbe- friedigend, weil es unsystematisch und oft sehr zufällig ge schah.

Wenn die Stadt der Zukunft- was wir alle nur hoffen können - nicht ein wesenloses System von Versorgung und Fürsorge, sondern ein Ort geistiger Auseinandersetzung, künstlerischen Er lebens und psychischer Bereicherung sein soll, dann können nur die Stadtarchive einen kulturellen Schwerpunkt bilden, deren Funktion und Tätigkeit im Bewußtsein der Bevölkerung veran- kert ist: Dies ist der pädagogische Dienst des Archivars an der Gesellschaft. Er beginnt im'stillen Kämmerlein! mit der be reits zitierten historischen Forschung und deren Veröffentli- chung, setzt sich fort bei der Beratung der Archivbenutzer und der tatkräftigen Förderung ihrer Arbeiten durch ständige Kom- munikation mit dem Bearbeiter eines im wesentlichen aus den Archivbeständen gespeisten, meist wohl stadtgeschichtlichen Themas und mündet ein in ursprüngliche pädagogische Aktivitä- ten, wie Vorträge und Durchführung von Arbeitsgemeinschaften und Kursen, etwa in einer VHS.

Da das Informationsbedürfnis der Menschen wächst und sachge- rechte Information schlechthin eine Grundvoraussetzung für mehr Demokratie in allen Lebensbereichen ist, hat auch hier das Archiv eine bedeutende Aufgabe. Allerdings ist die Bereit- stellung der in einem Archiv gespeicherten Informationsmasse hinsichtlich Überschaubarkeit und Angebotsbreite einer natürli- chen Begrenzung unterworfen. Aber über den Auskunftsdienst hinaus, der ja nur angefragt werden kann, können die Archive mit Ausstellungen und gelegentlichen Führungen durch ihre Be-