Auch die schriftlichen Anfragen- meist von außerhalb— nah- men in letzter Zeit erheblich zu. Es sind im monatlichen Durchschnitt 20- 25, davon ca. die Hälfte genealogischer Art. Viele Anfragen erfordern einen großen Aufwand an Zeit und Arbeit, stellen sie doch oft ein wissenschaftliches Problem im kleinen dar. Im allgemeinen können wir etwa 3/4 aller Anfra- gen befriedigend beantworten; für das verbleibende Viertel feh- len uns entweder die Quellen, oder der Zeitaufwand wäre un— verhältnismäßig groß, und daher nicht zu leisten. Ein nicht un- erheblicher Teil der Anfragen kommt aus dem eigenen Haus, d.h. von den Amtern der Stadtverwaltung. Hier liegt die urei- genste und älteste Aufgabe eines Archivs, das für die Stadt als Sachwalterin der Gemeinschaft aller Bürger wichtige Schriftgut aufzubewahren und gegebenenfalls zur Verfügung zu stellen, so z.B: wenn in einem Prozeß, den die Stadt zu führen hatte, rechtswirksame Dokumente vorgelegt werden mußten. In einer Reihe von Fällen konnten wir dieser wichtigen Aufgabe voll ge- recht werden und damit wohl auch in weiten Kreisen der Ver-— waltung bis hin zu ihrer Spitze die Einsicht verstärken, daß eine Stadt ihre archivwürdigen Akten und Urkunden nicht nur als hi- storische Zeugnisse, sondern auch als Beweisunterlagen für Recht und Besitz betrachten sollte, deren Vermögenswert nicht hoch genug veranschlagt werden kann.
Der Verpflichtung des Archivars, der Geschichtsforschung, im besonderen der Gießener Geschichte zu dienen, konnte der Ver- fasser in dieser nebenamtlichen Tätigkeit und bei der notwen- digerweise engen zeitlichen Begrenzung nur in bescheidenem Umfang nachkommen. Im Stadtarchiv und mit Hilfe seiner Be-— stände sind aber eine große Anzahl von mehr oder minder um-— fangreichen Arbeiten gefördert worden, die sich mit der Ge— schichte Gießens und seiner näheren Umgebung beschäftigen. Insoweit konnte im letzten Jahrzehnt ein wesentlicher Beitrag zur orts- und landesgeschichtlichen Forschung geleistet werden. Stellvertretend für viele andere Publikationen mögen hier ge- nannt sein: Das dreibändige Gießener Familienbuch von Otto Stumpf, Garbenteich, das Buch über die"Manische Sprache“ in Gießen von Hans-Günther Lerch, Hüttenberg, und die Dokumen- tation über die ehemalige jüdische Gemeinde Gießen vom Ver- fasser.
Die Zwitterstellung des Archivars, auf der einen Seite eine Art von Verwaltungsbeamter zu sein, auf der anderen Seite wissen- schaftliche Erkenntnisse aus seiner Archivtätigkeit zu Papier zu bringen, wird hier besonders deutlich.
Bei diesem Teil seiner Aufgabengebiete kann der moderne Ar- chivar viel Eigeninitiative entfalten, aber er braucht dazu neben
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