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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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1325: Alteste, im Stadtarchiv vorhandene Urkunde, nach der Landgraf Otto den Bürgern der Neustadt dieselben Rechte gewährt wie den Bürgern innerhalb der Stadt- mauern.

Man darf annehmen, daß wichtige städtische Rechtstitel, Urkunden und Akten schon in der ältesten Zeit der Stadt aufbewahrt worden sind. Wie anders wäre es zu verstehen, daß jene oben erwähnte älte- ste Urkunde bis auf den heutigen Tag sich im Original erhalten hat.

Die noch vorhandenen oder bis 1944 vorhanden gewesenen Urkunden und Handschriften des 15. Jahrhunderts deuten darauf hin, daß man von dieser Zeit an systematische Sammlungen der für die Stadt wich- tigen schriftlichen Unterlagen anlegte. Darüber kann auch nicht hin- wegtäuschen, daß die heutigen Bestände im wesentlichen und in rela- tiv regelmäßiger Folge erst in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts be- ginnen. Es kann angenommen werden, daß die schweren Brände des 15. und 16. Jahrhunderts auch wertvolle ältere Archivalien vernichtet haben.

Maßgeblichen Einfluß auf die Entwicklung der Stadt Gießen hatte die Regierungszeit Landgraf Philipps des Großmütigen, der mit dem Bau des Neuen Schlosses(1533- 39) und der Festung Gießen zu einem süd- lichen Eckpfeiler seines Territoriums machte. Aus der Geschichte an- derer hessischer Städte jener Zeit darf geschlossen werden, daß auch in Gießen eine straff geordnete Verwaltung eingerichtet wurde, die ein Archiv besaß.

Sowohl die städtischen Rechnungen wie die Stadtratsprotokolle begin- nen in den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts. Auch die ältesten Akten stammen aus dieser Zeit, während die Salbücher erst aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts vorhanden sind. Diese Bestände sind von hohem historischen Wert.

Schon aus dem Jahre 1675 ist uns ein Repertorium überliefert, dem weitere aus dem 18. und 19. Jahrhundert folgen. Dieser glückliche Umstand setzt uns in die Lage, durch einen Vergleich mit dem heute vorhandenen Material Aufschluß darüber zu erhalten, was den Wirren der Zeit in den beiden letzten Jahrhunderten zum Opfer fiel.

Die städtischen Akten berichten zum ersten Mal über das Archiv in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, damals im Zusammenhang mit der Arbeit an einer Stadtchronik, die der Hofgerichtsrat Dr. Kraft im Auftrag des Localvereins für die Geschichte von Gießen federführend übernommen hatte. Als Vorsitzender dieses Vereins hatte Kraft zur gleichen Zeit die Erstellung von Urkundenbüchern der Stadt Gießen übernommen. Es sind die drei glücklicherweise erhalten geblie- benen handgeschriebenen Bände mit auf Gießen bezogenen Urkunden. Am 26.10.1866 berichtet Dr. Kraft, daß er im Stadtarchiv eine solche

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