Stadt Großen-Linden sowie die Dörfer Heuchelheim, Rodheim und Fellingshausen zu Hessen kamen. Aber als Landgraf Ludwig IV. 1604 kinderlos starb, waren alle Ansätze für einen Ausbau des kleinen Ter- ritoriums beendet. Sein Testament verfügte die Teilung seines Herr-— schaftsgebietes zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Der südliche Bezirk um Gießen fiel damals an Hessen-Darmstadt, Marburg und Umgebung aber an Hessen-Kassel.
Nun begann zum großen Verhängnis für das ganze Hessenland und nicht zuletzt auch für unsere Stadt der fast 50jährige Streit um die-— ses Marburger Erbe zwischen den Landgrafschaften von Hessen-Darm- stadt und Hessen-Kassel, die sich über die Teilung des Landes Hes- sen-Marburg nicht auf die Dauer einigen konnten. Heftiger wurde die- ser Streit, nachdem der Kasseler Landgraf zum Calvinismus übergetre-— ten war, seine Verbesserungspunkten im kirchlichen Bereich einführte und nach dem bekannten Grundsatz õcuius regio eius religiou auch seine neuen Marburger Untertanen zu diesem Glauben zwingen wollte. Gerade das aber hatte der kinderlos verstorbene Marburger Landgraf Ludwig IV. seinen lutherischen Landeskindern im Marburger Land durch testamentarische Bestimmung ersparen wollen. Der Darmstädter Landgraf Ludwig fühlte sich natürlich als Sachwalter der Lehre Lu— thers und forderte nun ganz Oberhessen für sich. Er nahm die wegen ihres Glaubens vertriebenen Marburger Professoren in Gießen auf, gründete dort 1605 unser heutiges Landgraf-Ludwig-Gymnasium, aus dem schließlich, als ein Ende des Streits nicht mehr abzusehen war, 1607 die Gießener Ludwigs-Universität hervorging, deren Gründung vom deutschen Kaiser Rudolf II. privilegiert wurde.
Wit der Universitätsgründung war für Gießen eine Fackel entzündet worden, deren Licht unsere Stadt auch durch die nun folgenden dun- kleren Zeiten getragen hat. Der Landgraf stattete die Universität aus seinem Eigentum reich aus; schon 1609 konnte in einem Teil des Schloßparks der Botanische Garten angelegt werden, einer der ältesten in Deutschland. Am Brandplatz, zwischen dem Alten und Neuen Schloß, entstand 1611 das erste Kollegiengebäude mit seiner charakte- ristischen Sternwarte, die auf den alten Stichen von Gießen wie ein Turm herausragt. Stets betrachteten die Darmstädter Landesfürsten ihre einzige Universität als Lieblingskind; von den Brosamen, die von der Hohen Schule Tisch fielen, profitierte auch immer ein wenig die bürgerliche Stadt. Ihr geistiges Leben wurde bis auf den heutigen Tag maßgeblich von dem mitbestimmt, was Professoren und Studenten aus— strahlten.
Mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges wird die Universität- nur ein Jahrzehnt nach ihrer Gründung- infolge einer neuen politi- schen Konstellation innerhalb Hessens noch einmal für ein Vierteljahr- hundert der Stadt Gießen entzogen und nach Marburg zurückverlegt.
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