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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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GIESSEN- 700 AHRE HESSISCHE STADT 24. Oktober 1965

Festvortrag im Stadttheater aus Anlaß der 700 jährigen Zugehörigkeit Gießens zu Hessen

Wenn man es unternimmt, die 700jährige Zugehörigkeit einer Stadt zu dem gleichen Territorium in einem Festvortrag zu würdigen, so befal- len einem gewisse Zweifel, ob dieses Unterfangen in einer Zeit be rechtigt ist, in der alte territoriale Bindungen weithin im Zerfall be- griffen sind, ja deren politische und wirtschaftliche Zielsetzungen über das hinausgreifen, was noch vor wenigen Jahrzehnten das Denken und Handeln der Menschen bestimmt hat. Was bedeutet schon eine kürzere oder längere Zugehörigkeit zu einem einzelnen deutschen Land, wenn die Sehnsucht deutscher Menschen der Wiedervereinigung getrennter Landesteile gilt, wenn wir ungeduldig werden, weil die Einigung Euro pas keine Fortschritte macht, wenn die Nenschheit hinausgreift in den Weltraum und wenn man sich nicht nur von weltlicher, sondern auch von kirchlicher Seite konkrete Vorstellungen von einer weltumspannen- den politischen Gemeinschaft macht?

Nun, es geht in diesem Vortrag sicher nicht darum, Licht oder Schat- ten der Vergangenheit zu beschwören, in Reminiszenzen zu schwelgen, überholten Vorstellungen eines Duodezstaates zu huldigen, etwa pro hessische oder antipreußische Gefühle zu erwecken.

Wie sehr sich das alles gewandelt hat, mag der ermessen, der einmal nachliest, was der um die Stadt Gießen so verdienstvolle Carl Ebel bei der aus gleichem Anlaß durchgeführten Feierstunde vor 50 Jahren in seinen einleitenden Worten gesagt hat.

Es gilt in dieser Stunde vielmehr, sich der geschichtlichen Vorgänge zu erinnern, die Gießen hessisch werden ließen und daran zu denken, daß eine 700jährige Vergangenheit das Gesicht unserer Stadt geprägt, das Leben ihrer Bewohner bestimmt hat. Wir wollen nicht in erster Linie lernen aus der Geschichte, wir wollen sie schlicht und einfach kennenlernen. Wenn wir dabei dann so viel lernen, daß der Einzel- mensch wie die staatliche Gemeinschaft zu allen Zeiten vor Probleme und in Entscheidungen gestellt waren, daß diese Probleme und Ent- scheidungen zwar je und dann anders geartet waren und verschieden aussahen, sie bei näherer Betrachtung sich aber nicht wesentlich von dem unterschieden, was heute das Leben des Individuums wie der Staaten bewegt, dann hat uns auch die Geschichte dieser Stadt etwas zu sagen, dann gewinnen wir als Volk wieder an dem so notwendigen Geschichtsbewußtsein, dann können wir auch aus der Vergangenheit Kräfte schöpfen.

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