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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Das Bild der Stadt in all seiner Entwicklung und Wandlung ist natür lich maßgebend bestimmt von der staatlichen Ordnung, in die dieses Gemeinwesen eingebettet war. So gesehen ist das, was wir heute mit- einander überdenken wollen, nicht nur Stadtgeschichte im engeren Sinne, sondern auch ein gut Stück hessischer Landesgeschichte, ja zu weilen sogar Reichsgeschichte.

Sie werden es dem Bistoriker nicht verübeln, wenn er versucht, in diesem Sinn einen Einblick zu geben in die Vorgänge des 13. Jahrhun- derts in unserem Raum, die zu dem Übergang unserer Stadt an Hes sen führten, um dann manche der vielfältigen Beziehungen und Wech- selwirkungen lebendig zu machen, die Gießen mit Hessen im Laufe der Geschichte verbanden. Aber da es auch meine pflicht ist, wesent- liche Ereignisse nicht zu stark zu vereinfachen und die Linien der Entwicklung scharf zu zeichnen, muß ich meine Darlegungen, um den Rahmen einer solchen Feierstunde nicht zu sprengen, auf die er ste Hälfte des Weges, den Gießen als hessische Stadt zurückgelegt hat, beschränken; ich werde daher mit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges einen Einschnitt vornehmen müssen. Die zweite Wegstrecke Gießens bis in unsere Tage darzustellen, müßte eine dankenswerte Aufgabe für eine andere Gelegenheit sein.

Um die Bedeutung des zwischen dem 18. August 1264 und dem 29. September 1265 erfolgten Übergangs der Stadt Gießen an die Land- grafschaft Hessen zu erkennen, erscheint es mir notwendig, in weni- gen Strichen ihre Entwicklung im ersten Jahrhundert ihres Bestehens zu zeichnen und die allgemeine politische Situation der damaligen Zeit mit dem Schwerpunkt auf unseren Raum darzustellen.

Die Anfänge Gießens verlieren sich wie die vieler anderer Stadtgrün dungen des 12. und 13. Jahrhunderts im Dunkel der mageren ge schichtlichen Uberlieferung. Als sicher darf jedoch gelten, daß die um die Mitte des 12. Jahrhunderts erfolgte Teilung der Grafschaft Glei- berg von unmittelbarem Einfluß auf die Entstehung einer kleinen Was- serburg gewesen ist, die Graf Wilhelm von Gleiberg zum wirtschaftli- chen und militärischen Mittelpunkt seiner durch die Teilung erworbe- nen Grafschaftshälfte zu machen gedachte. Wenn er dabei die bis da- hin völlig siedlungsleere, ja siedlungsfeindliche Talaue der Wieseck in der Nähe ihrer Mündung in die Lahn aussuchte, so hatte dies wohl zwei Hauptgründe: Einmal konnte er über diese Landstrecken frei, und ohne Schwierigkeiten befürchten zu müssen, verfügen, zum anderen war jene leicht über die Talschle sich erhebende Geländeschwelle um das heutige Wallenfelssche Anwesen hinter dem Stadtkirchenturm ge eignet zur Anlage einer starken Befestigung, die für die Sicherung seines kleinen Herrschaftsgebietes unerläßlich war.

Dieser Burgplatz, der von Anfang an mit Burgmannen besetzt war, gab dem Territorialherren in den folgenden Jahrzehnten die willkommene

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