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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Möglichkeit, den Handelsverkehr der die Umgebung der Burg tangie- renden großen Fernstraßen an sein"Regierungszentrum heranzuführen. So verstanden war Gießens Gleiberger Zeit, wiewohl es damals noch nicht als Stadt angesprochen werden kann, sicher die einzige Periode seiner rd. 800jährigen Geschichte, in der es einmal Residenz gewe- sen ist.

Aber das Erlöschen des Mannesstammes im Gleiberg-Gießener-Grafen- haus beendet schon bald diese so verheißungsvoll begonnene Entwick- lung von Burg und Herrschaft Gießen. Gleichzeitig endet eine erste, im damaligen Kräftespiel nicht unwichtige politische Rolle der kleinen Herrschaft Gießen, auf die insbesondere schon Karl Glöckner, der um die Geschichte Gießens und des südwestdeutschen Raumes so verdiente Forscher, aufmerksam machte: Die Gleiberger Herren von Gießen standen damals in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in freund- schaftlicher Verbindung zum Erzbistum Mainz. In jener Zeit, in der sich die zentrale Macht des staufischen Kaisers Friedrich Barbarossa mit ihrer Kirchengutpolitik gegen die bedrohliche Ausdehnung des Erz- bistums besonders im Rhein-Main-Gebiet und im nordhessischen Raum richtete, mußte den Mainzern jeder noch so schwache Freund will- kommen sein, der ihnen den Zugang von ihrem Zentrum am Rhein zu ihren nordhessischen Stützpunkten Fritzlar, Amöneburg usw. erleichter- te.

Als die kleine Herrschaft Gießen dann zwischen 1197 und 1203 durch Heirat an die Pfalzgrafen von Tübingen überging, zeichnete sich ja schon ab, was sich in den nächsten Jahrzehnten vollenden sollte: Der Niedergang der zentralen Reichsgewalt und der Aufstieg fürstlicher Gewalten zu territorialer, vom Reich weitgehend unabhängiger Macht. In diesen nun im 13. Jahrhundert einsetzenden Kampf um die über- greifende Landeshoheit wurde auch Gießen schon wegen seiner topo- graphischen Lage einbezogen.

Seine Tübinger Zeit aber verschafft ihm zunächst noch eine Atempau- se, und diese rd. 6 Jahrzehnte dauernde Periode ist gekennzeichnet durch das Bemühen der Pfalzgrafen, ihrem Außenposten Gießen, der ihnen praktisch unvorhergesehen in den Schoß gefallen war, ein besse- res Gesicht und ein stärkeres Gewicht zu geben. Die vermutlich schon in Gleiberger Zeit einsetzende Entwicklung, die um die ursprünglich älteste Grafenburg eine Art Vorburg(suburbium) entstehen ließ und damit den Zuzug von Handwerkern und Kaufleuten an diesem Platz ermöglichte, setzte sich nun verstärkt fort. Ebenso wird der weitere Ausbau der Nahverkehrswege der Herausbildung eines ständigen Markt- platzes förderlich gewesen sein. Die neuen Herren Gießens begünstig- ten diese Ansiedlung, weil mit ihr eine Stärkung ihres Außenpostens verbunden war, ja sie dürften das allmähliche Zusammenwachsen von Markt und Burg dadurch beschleunigt haben, daß sie der jungen Sied-

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