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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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lung eine erste Umwehrung gaben. Der planmäßige Ausbau Gießens durch den Stadtherren wird dadurch bewiesen, daß in jenes siedlungs feindliche, versumpfte Mündungsgebiet der Wieseck ein freiwilliger Zu zug von Menschen in größerer Anzahl kaum anzunehmen ist. Es war überdies anfangs auch nur ein sehr kleiner Raum, der für die erwei- terte Burgsiedlung zur Verfügung stand, kaum mehr als zwei bis drei Hektar groß.

Höhepunkt dieser Entwicklung war dann zweifellos die Erhebung Gie- ßens zur Stadt. Dies muß vor dem Mai 1248 geschehen sein, denn zu dieser Zeit urkunden Schultheiß, Schöffen und Bürger von Gießen. Jene erste Hälfte des 13. Jahrhunderts war den Stadtgründungen günstig; Tübingen selbst ist 1231 erstmals als Stadt bezeugt. Was lag für die Stadtherren näher, als ihrem weitentlegenen Vorposten Gießen auch dieses Recht zu verschaffen; es mußte der Sicherung und Stärkung dieses Herrschaftsgebietes dienen.

Es liegt die Vermutung nahe, daß nunmehr die zur Stadt erhobene Siedlung als Ganzes den Namen der Burg Gießen oder richtiger"zu den Giezzen(= zu den Wasserbächen) angenommen hat. Der Ober- gang von der Burgverwaltung zur Stadtverfassung ist von den Tübingern sicher eher gefördert als gehemmt worden, da sie ihren Außenposten nicht so straff regieren konnten wie ihre Stammlande im süddeutschen Raum.

Aber die Uhr der Geschichte blieb auch in der Mitte des 13. Jahrhun- derts nicht stehen. Wir haben alle einmal von der kaiserlosen, der sog. schrecklichen Zeit gehört: Das staufische Kaisertum und damit die zentrale Macht des Reiches war untergegangen, die Zeit des Landesfürstentums, der domini terrae, 1220 durch die uconfoederatio cum principibus ecclesiasticisu für die geistlichen Fürsten und 1231 durch das"statutum in favorem principum für die weltlichen Herren auch rechtlich begründet, hatte begonnen. In unserem Raum werden die zwei folgenden Jahrhunderte bestimmt von dem harten Ringen der beiden mächtigsten Territorialgewalten, der Landgrafen v. Hessen und der Erzbischöfe von Mainz, das praktisch bereits während des 12. Jahrhunderts mit Heftigkeit eingesetzt hatte. In dieser Auseinanderset- zung mußten Stadt und Herrschaft Gießen infolge ihrer günstigen verkehrsgeographischen Lage eine bedeutsame wirtschaftliche und po- litische Rolle spielen. Es ist im Rahmen dieses Vortrages nicht mög- lich, im einzelnen darzulegen, auf welche Weise und in welcher In- tensität diese für die gesamthessische Geschichte so bedeutungsvolle und einschneidende Auseinandersetzung zwischen Mainz und Hessen entstanden ist und ausgetragen wurde. Es muß genügen, die Entwick- lung zu zeigen, die unser Gießener Gebiet unmittelbar berührt.

Seit 1122 bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts hatten sich die Landgra- fen von Thüringen im niederhessischen oder besser althessischen Raum

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