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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Der grausame Krieg, vor allem seine drei letzten Jahre, in dem sich die beiden hessischen Landgrafschaften im sogenannten"Hessenkrieg auseinandersetzten, bedrohte die Existenz unserer Stadt ebenso, wie mehrere schwere Pestepidemien ihre Bevölkerung dezimierten. Doch bleibt ihr dank der Festungswerke erspart, was die Burgen Gleiberg und Staufenberg damals erleiden müssen: die völlige Zerstörung. Im Westfälischen Frieden kommt Gießen 1648 endgültig an Hessen-Darm- stadt, nunmehr als nördlicher Vorposten dieses Landesteils, und 1650 erhält die Stadt nach erheblichen Bemühungen auch ihre Universität zurück.

Hier nun lassen Sie mich die notwendige Zäsur machen, weil damit zwar nicht eigentlich die hessische Periode dieser Stadt zu Ende geht, aber doch ein tief einschneidender, besonderer Abschnitt ihrer Ge- schichte in einem neuen, auf Grund der Zeitverhältnisse anders gear- teten Staatswesen beginnt, dem eine eigene Betrachtung gewidmet sein müßte.

Die Herausbildung des absolutistischen Fürstenstaates, besonders aus- geprägt auch in Hessen-Darmstadt, bringt unserer Stadt den Verlust ihres Charakters als eigenes politisches Gemeinwesen. Ihre Privilegien der Selbstverwaltung, wie sie sich im Mittelalter herausgebildet hat- ten, gehen nach und nach verloren. Nicht nur die Befestigungswerke bewirken die unnatürliche Abschnürung vom umliegenden Land. Fortan bestimmen fürstliche Beamte die Ordnung in der Stadt, und der Lan- desherr preßt sie auch finanziell je und dann gehörig aus. Die Bürger- schaft verliert ihr Selbstvertrauen, wird in sich unbeweglicher, der Gruppenegoismus wächst, und ein dem Landesherrn serviler Geist zieht ein. Die leitenden Ratsstellen werden von der Protektion weniger Fa- milien beherrscht, deren Eigennutz zu Mißwirtschaft und Verschuldung führt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ja eigentlich erst nach 1870, als Hessen-Darmstadt ein Teil des von Bismarck gegründeten Deutschen Reiches wird, beginnt ein Wiederaufstieg unserer Stadt, der sich trotz der Rückschläge zweier Weltkriege bis heute fortgesetzt hat.

Nach 1945 ist im hessischen Raum aus historisch gewachsenen Gebil- den ein neues Staatswesen entstanden, knapp drei Jahre eigenständig, und dann eingeordnet in den größeren Rahmen der Bundesrepublik, das im wesentlichen jene Gebiete umfaßt, die auch im 16. Jahrhundert hessisch waren, in der Zeit also, mit der wir unsere Betrachtungen im wesentlichen abschlossen. Gießen sieht sich in diesem Lande nicht mehr als südlicher oder nördlicher Grenzposten; es liegt im Zentrum, und diese günstige Lage gibt unserer Stadt in gegenwärtiger Zeit alle Aussicht auf eine hoffnungsvolle Zukunft.

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