MARKGENOSSENSCHAFTEN UND KOPPELHUTEN, AN DENEN GIESSEN IM LAUFE SEINER GESCHICHTE BETEILIGT WAR
Vortrag im Oberhessischen Geschichtsverein Gießen 1965
Nachdem ich in meinen beiden vorangegangenen Vorträgen die Her-— ausbildung der Gießener Gemarkung und die Geschichte der Gießener Waldungen behandelt habe, will ich mich heute einem Phänomen zu— wenden, das weitgehend aus dem Gesichtskreis des heutigen Menschen herausgetreten ist, weil es als Institution nicht mehr oder nur noch äußerst selten angetroffen werden kann; es ist in unserer engeren Heimat aber bereits völlig verschwunden. Es sind Markgenossenschaf-— ten und Koppelhuten(= Weidegemeinschaften), in denen unsere Stadt im Laufe der Geschichte mit einer Reihe ihrer Nachbarorte in be— stimmten Rechtsformen verbunden war. Sie sind längst aufgehoben, und von ihrer einstigen Existenz wissen selbst die ältesten Bewohner nichts mehr.
Wir können hier gleich einleitend die erstaunliche Feststellung treffen, daß sich historische Vorgänge und Erscheinungen wiederholen oder er— neuern, wenn auch meist in anderen, der Entwicklung der Zeit ange— paßten Formen. Lassen Sie mich das zunächst am Beispiel der Sied- lungsgeographie verdeutlichen.
Sie werden sich, soweit Sie Gelegenheit hatten, meinen Vortrag über die Herausbildung der Gemarkung zu hören, erinnern, daß in der Um— gebung unserer Stadt eine ganze Reihe von Siedlungen einst bestanden, die während der zweiten Wüstungsperiode aufgegeben wurden und de— ren Bewohner in die feste Stadt Gießen übersiedelten. Das Gebiet je— ner verlassenen Dorfschaften, ihre Gemarkung also, aber ist ebenfalls in die Mark einer benachbarten Siedlung übergegangen. In unserem Falle können wir die Vergrößerung der Gießener Gemarkung im Laufe ihrer Geschichte im einzelnen genau nachverfolgen. Wir werden nun gleich noch sehen, daß dieser Entsiedlungsvorgang, der sich hauptsäch- lich zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert abspielte, auch teilweise im Zusammenhang mit der Herausbildung und Funktion der hier zu besprechenden Markgenossenschaften und Weidegemeinschaften (Koppelhuten) steht.
Zunächst aber möchte ich den Blick auf die Tatsache lenken, daß wir heute allerorten den umgekehrten Vorgang in unserer Landschaft be— obachten können: Die Enge der dörflichen Siedlung wird aufgegeben, überall entstehen in der Feldmark einzelne Gehöfte oder Gruppen von Höfen, die sogenannten Aussiedlerhöfe, ja sogar die Stadtbewohner streben nicht nur nach Wochenend- und Sommerhäuschen in der freien
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