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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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In etwa 25 m Breite war sie als echte alte Landwehr bewaldet. Nach einer Notiz des Jahres 1710 sollen dort 216 Bäume gestanden haben, so daß es sich wohl nicht um einen Wald, sondern mehr um eine mit Bäumen bestandene Hutung gehandelt haben mag. Dies liegt um so näher, als rund um dieses Gebiet jahrhundertelang eine Koppelhut(= gemeinsamer Weidebezirk) zwischen Gießen und Klein-Linden bestand, die erst 1845 endgültig aufgehoben wurde. In dem 300 Jahre langen Grenzstreit Gießens mit Klein-Linden ist die Lindeser Hege als alte Gemarkungsgrenze mehrfach erwähnt und blieb lange umstritten. We- gen dieser dauernden Reibereien und der zu weiten Entfernung von der Stadt verkauften die Gießener dieses Hutwäldchen im Jahre 1710 für 850 fl an den Obristen von Wrede, der in Klein-Linden einen Her- renhof hatte. Der Käufer ließ die Bäume abholzen und legte Acker- und Wiesenland an. Vereinzelte alte Eichen im Heßler dürften die traurigen Reste dieses Hutwaldstreifens sein!

Lassen Sie uns abschließend einen Blick werfen auf den Fernewald, als städtischen Waldteil, ohne dabei auf seine Geschichte im einzelnen einzugehen. Der Fernewald war eine der beiden Markgenossenschaften, an denen die Stadt beteiligt war.

Die Geschichte dieser beiden Markgenossenschaften und der minde- stens 8 Koppelhutbezirke, die Gießen mit Nachbargemeinden hatte, soll einem weiteren Vortrag vorbehalten bleiben. So wollen wir nun abschließend nur noch erörtern, wie es zu dem eigenartigen Gebilde im Ostteil der Gießener Gemarkung gekommen ist.

Unsere Karte zeigt Ihnen, meine Damen und Herren, die wohl zur Zeit der Gleiberger Teilung entstandene Markgenossenschaft Fernewald und die an ihr ursprünglich beteiligten Gemeinden. Es waren neben Gießen seine Vororte Wieseck und Klein-Linden, weiter die ehemali- gen Hüttenbergorte Allendorf, Hörnsheim, Lützellinden, Leihgestern, Annerod, Watzenborn/Steinberg, Großen-Linden, Hausen sowie Garben- teich und Steinbach, wozu in der Frühzeit dieser Markgenossenschaft sicher noch die später wüst gewordenen Ortschaften gehörten. Die Beteiligung der genannten Dörfer macht deutlich, daß auch der Fer- newald ein Teil des Wiesecker Waldes gewesen ist.

Die Stadt Gießen- ursprünglich nur mit den gleichen Rechten ausge- stattet wie alle anderen 13 beteiligten Gemeinden- verstand es im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts, sich eine gewisse Vorrangstellung in der Markgenossenschaft zu verschaffen. Diese Entwicklung war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß Gießen mit seinem Stadtwald unmittelbar an das Gebiet der Markgenossenschaft Fernewald angrenz- te, was unter anderem einen unbehelligten Viehtrieb und eine verhält- nismäßig leichte Holznutzung ermöglichte. Eine ganze Reihe der ande- ren beteiligten Gemeinden lag dagegen sehr weit entfernt, so daß es ihnen im Laufe der Jahrhunderte immer schwerer gemacht wurde, an

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