VM.
Aber wir sind hiermit noch nicht völlig zu Ende: man muß noch weiter fragen, ob das normative Element nicht sogar einen ethischen Charakter hat, und sodann, welche einzelnen Elemente das normative oder ethische Moment bilden.
Vorher darf ich nur noch auf eines hinweisen: offenbar machen die Worte, die wir für die Schuld als ihre zwei Arten gebrauchen, vielen Kritikern große Schwierigkeiten. Sie finden, daß das Wort„Vorsatz“ etwas rein psychologisches bedeute, norma- tiv aber indifferent sei, daß dagegen das Wort„Fahrlässigkeit“ sofort auch das normative Moment der psychologischen Beziehung angebe. Freilich hat Radbruch es unternommen, dieses Moment dem Fahrlässigkeitsbegriff zu nehmen!); aber ich kann nicht finden, daß er Glück damit hatte; er hebt sehr schön die Wertung von der Nichtvoraussicht ab; aber daß das Uebriggebliebene nun noch Fahrlässigkeit sei, das bleibt zu beweisen. Andre vertreten Rad- bruchs Auffassung, ohne sie irgendwie zu begründen). Das widerspricht leider völlig unserem heutigen Sprachgebrauch, wenn auch vielleicht nicht der Wortbildung°).
Ich halte aber diese gesuchte Schwierigkeit für ganz unwesent-
nicht den ganzen Absatz aus$ 361! beachtet hat; denn da ist das normative Moment als„Mangelhaftigkeit der sozialen Gesinnung“ klar genannt. Und wenn das noch nicht genügt, dann hebt No. 2a daselbst klar das Erfordernis der Schuld- fähigkeit hervor.
1) ZStrRWiss. 24, 347f.
DRNEIS ZEBE Hanke, Giesseuen Kestschrift, S. 530: Einger, GS.72, 264 (aber„Sprachgebrauch!“). Bierling, Jurist. Prinzipienlehre 3, 242f.
®) Ich glaube nicht zu irren, wenn ich„fahrlässig“ aus ‚„fahrlos“, ohne väre, (absque dolo) herleite. Binding, Grundriss$ 481. Das wird meist ganz über- sehen. Vgl. die Wörterbücher von Grimm Band 3 unter„fahrlässig“ und„fahr- los“, Sanders, 2. Hälfte, unter„lässig“(Zitate Beck und Brockes), Adelung und Campe unter„fahrlos“. Eine irgendwie gute ältere Quelle, die das Wort„fahrlässig“ gebrauchte, ist nirgendwo genannt. Weigand-Hirt, Deutsches Wörterbuch, 5. Auflage, S. 492 meint, das Wort sei„wohl mit Anleh- nung an Fahren entstellt aus einem mlhd verlä&zec, vürlaezec, abgeleitet von verläz, vürläz, m. Lässigkeit, Versäumnis“. Doch wird mir das von sachkundiger Seite als unmöglich bezeichnet. Danach bleibt als erste Bedeutung das einfach psychologische„ohne Vorsatz“; aber für heute kann das nicht mehr gelten; Sanders sagt sogar schon bei fahrlos, dass es„ausser Acht lassen“ bedeute. 3


